Kosmische Rückstoßwellen

Es ist schon seltsam. Gestern wäre der große Tag meines Sohnes gewesen – seine Konfirmation. Die Woche davor sein erster Abtanzball. Die drei Eintrittskarten für dieses Ereignis hängen noch an der Magnetwand in der Küche, wie traurige Relikte aus einer anderen Zeit. Ich hatte mich so darauf gefreut, mit meinem Sohn zu einem schicken Herrenausstatter zu gehen und seinen ersten Anzug samt Hemd, Krawatte und Schuhen auszusuchen, die er zu diesen beiden Ereignissen getragen hätte. Ich hatte mich auch darauf gefreut, mit meinem Sohn das erste Mal einen Tanz aufs Parkett zu legen. Ob das nun jemals geschieht, steht in den Sternen. Allerdings hätte ich wahrscheinlich auch mit meinem Exmann tanzen müssen, denn für den war die dritte Karte bestimmt. Was die Konfirmation angeht, bin ich etwas zwiegespalten. Es wäre das erste Ereignis gewesen, bei dem mein Freund und seine Familie auf meinen Exmann mit seiner Familie – die nur aus seiner Mutter besteht – gestoßen wäre. Ich war recht nervös deswegen und das Schicksal hat mir diese Sorge nun erstmal abgenommen.

Vielleicht holen wir das alles nach. Vielleicht auch nicht. Die Tanzschule ist zum Sommer gekündigt und der Ersatztermin für die Konfirmation wäre entweder diesen September oder im Juni nächsten Jahres. Beides Termine, an denen mein Sohn möglicherweise in den USA ist. Die Austauschorganisation geht nach wie vor davon aus, dass das Austauschjahr wie geplant ab August stattfindet. Mein Sohn hat sogar bereits eine Gastfamilie in Anna, Texas – eine Kleinstadt nördlich von Dallas. Ob das klappt, werden die nächsten Wochen zeigen. Was mit seiner Konfirmation passiert auch. Ich wünsche mir für ihn und irgendwie auch für mich eine schöne Feier im geplanten Rahmen. Er hat es verdient. Aufgrund dieser ganzen coronabedingten Rückstöße müsste er eigentlich ziemlich aufgebracht sein, aber er ist nach wie vor gelassen. Das bewundere ich.

Kosmischen Rückstoßwellen, so hat Veit Lindau das Phänomen der Rückschläge auf dem Weg zu einem Ziel genannt. Sie werden einen auf die ein oder andere Weise treffen – quasi als Nachhall falsch genutzter Manifestationsenergie in der Vergangenheit. Es gilt diese Rückstoßwellen zu überstehen, indem man seine Energie nicht dafür verschwendet, gegen sie zu kämpfen. Vielmehr sollte man sie vorüberziehen lassen, um dann gestärkt den eigenen Weg weiter zu verfolgen.

Ich ringe noch mit der Gelassenheit was meine kosmischen Rückstoßwellen anbelangt. Sie manifestierten sich gestern in Form eines CT-Befundes, welcher beunruhigend ist. Möglicherweise auch ganz harmlos, aber das alles müssen erst diverse Ärzte in den nächsten Wochen klären. Aber der Reihe nach.

Auf meinem Weg der Heilung habe ich die nächsten Maßnahmen ergriffen. Ich habe mit Physiotherapie begonnen, die mir wirklich hilft, die mich allerdings noch einige Monate begleiten wird. Aufgrund der ganzen OPs ist mein Körper irgendwie verdreht und verkorkst. Doch das alles sind muskuläre Probleme, die sich mit Ausdauer und Training lösen lassen. Ich bin begeistert, wie vielseitig sich diese Physiotherapie gestaltet. Von Arm-Schultermassagen über Narbenmobilisation, Muskel- und Dehnübungen für zu Hause sowie Übungen an den Geräten in der Praxis ist alles dabei. Auch ein wenig Atemtechnik versucht meine sympathische junge Therapeutin mir zu vermitteln. Die ersten sechs Termine sind wie im Fluge vergangen und morgen hole ich bereits die Folgeverschreibung bei meinem Hausarzt ab.

Als nächster Punkt auf meiner Liste stand die Ganzkörperskelettszintigraphie, um nun endlich zu klären, ob es Knochenmetastasen gibt oder nicht. Den Termin hatte ich Anfang Mai und leider gibt es diese Knochenmetastasen und zwar in den Rippen und im berüchtigten Brustwirbelkörper 8, der auch schon zweimal erfolglos punktiert wurde. Damit steht also fest, dass das PET-CT Grenzen hat. Alles was den vorbehandelten Brustkrebs anbelangt, konnte darauf nicht korrekt dargestellt werden. Die Knochenmetastasen sind klein und sehr wahrscheinlich nicht weiter dramatisch. Ich habe keine Schmerzen und auch sonst keine Probleme damit. Wahrscheinlich werde ich nun wieder das knochenstabilisierende Mittel Denosumab bekommen, welches vierwöchentlich in den Bauch gespritzt wird. Nicht weiter wild also.

Nächster Punkt auf der Liste: die Heilpraktikerin. Ich hatte in meinem letzten Beitrag bereits von der Heilpraktikerin berichtet, die mit traditioneller chinesischer Medizin arbeitet und viele Patientinnen mit Brustkrebs behandelt. Letzte Woche hatte ich einen Termin bei ihr. Ihre Praxis liegt mitten in Hamburgs noblem Viertel Harvestehude. Einige Dinge ändern sich auch mit Corona nicht, so zum Beispiel die Parkplatzsituation dort. Ein Grund, warum ich niemals dort leben könnte. Ich würde verrückt werden, wenn ich dieses Problem täglich hätte. Wahrscheinlich müsste ich zuvor in einem Zenkloster ein Jahresseminar zum Thema Gelassenheit belegen. Nun ja, ich fand immerhin irgendwann ein Parkhaus und hatte vorausschauenderweise genug Zeit eingeplant.

Ich fing also wieder an meine Krankengeschichte in Kurzform herunter zu spulen und die Heilpraktikerin reagierte, wie alle neuen Ärzte, mit denen ich es zu tun bekomme, angemessen entsetzt und verwundert. Sie stellte einige Fragen zum Thema Schlaf, Durst, Stuhlgang, psychischen Belastungen und meinen Erfahrungen mit der traditionellen chinesischen Medizin. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich diesbezüglich offenbar bisher eine völlige Ignorantin war. Ich dachte zum Beispiel, dass Homöopathie ein Teil davon sei, das ist aber total falsch. Von Homöopathie hält sie auch nicht viel, die Substanzen seien viel zu sehr verwässert, als dass sie irgendetwas größeres bewirken könnten. Auf Akkupunktur kam ich noch, aber das war dann auch schon alles. Die Heilpraktikerin sah sich meine Zunge genauer an und eröffnete mir dann aufgrund meiner Aussagen und ihrer Zungendiagnose ihre folgende Erkenntnis: Meine Lebensenergie Chi (Qi) ist zu schwach. Ich wirke zwar äußerlich sehr vital und gesund, doch diese Vitalität hat keine innere Substanz. Mein Körper hat nicht genug Energie, um so etwas wie Krebszellen in ausreichendem Maße selber zu bekämpfen. Die Tatsache, dass ich in den meisten Nächten schlafe, wie ein Stein, liegt vor allem darin begründet, dass ich vollkommen erschöpft bin. Die erste Maßnahme ist also mein Chi zu stärken. Dies erfolgt über mehrere Ansatzpunkte. Ich nehme nun täglich Kapseln eines tibetischen Vitalpilzes und zweimal am Tag trinke ich einen Tee aus einem chinesischen Kräuterpulver, welches speziell für meine Bedürfnisse von einer Apotheke zusammengestellt wurde. Außerdem riet mir die Heilpraktikerin zu einer stärkenden, fleischhaltigen Nahrung. Die gute alte Hühnersuppe oder Markknochensuppe wäre ihrer Meinung nach eine gute Idee. Am Besten sei Geflügelfleisch und dieses natürlich von guter – am besten von Bioqualität. Beim Hausarzt soll ich außerdem demnächst einige Blutwerte testen lassen. Dies sind Vitamin D, Selen, Eisen und Vitamin B12. Ein Mangel an diesen Spurenelementen und Vitaminen müsste unbedingt verhindert werden. Um meine Darmflora nach all den Chemos und OPs zu stabilisieren, soll zunächst eine biochemische Stuhlprobenuntersuchung gemacht werden. Aufgrund der Ergebnisse könnten dann gezielt bestimmte Maßnahmen ergriffen werden. Zum Abschluss bekam ich noch Akkupunktur. Dies will die Heilpraktikerin bei mir jedoch zunächst nur selten anwenden, da Akkupunktur aufgrund des mangelnden Chis bei mir nicht so wirksam sei. Wir wollen telefonisch in Kontakt bleiben.

Zwei Tage später erhielt ich die Vitalpilzkapseln und das Kräuterpulver per Post von einer Spezialapotheke und nehme das alles nun brav nach Vorschrift ein. Vielleicht ist es Einbildung, aber ich fühle mich seitdem untertags nicht mehr so müde und schlafe auch nicht mehr abends um 20.30 Uhr auf dem Sofa ein. Ich bin gespannt, was es noch bewirken wird. Auf jeden Fall bin ich mit der Behandlung sehr zufrieden und habe großes Vertrauen in die Fähigkeiten der Heilpraktikerin. Damit ich nicht mehr so ignorant durch die Weltgeschichte laufe, habe ich mir jetzt erstmal ein Buch über chinesische Medizin zugelegt, welches ich bereits nach den ersten 30 Seiten hochinteressant finde.

Letzten Mittwoch stand das CT an – die gefürchtetste Maßnahme auf meinem Plan. Die Magen- und Darmspiegelung wollte ich dann als letzten Schritt Anfang Juni machen lassen. Seit dem letzten klassischen CT sind mittlerweile sechs Monate vergangen. Ich entschied mich, wieder zu meiner bisherigen Radiologie-Praxis in Hamburg zu gehen. Die hatten das letzte Mal den linken und rechten Lungenflügel bei der Befundung vertauscht, was natürlich nicht passieren darf. Allerdings haben sie alle meine Befunde seit über sechs Jahren zum Vergleich und Terminvergabe sowie der Ablauf sind immer super schnell und reibungslos. Das Gerät scheint auch sehr gut zu sein, denn die Krankenhäuser konnten die Bilder immer verwenden. Das ist nicht selbstverständlich, denn ich war am Anfang meiner Erkrankung in einer anderen radiologischen Praxis, die offenbar so ein schlechtes Gerät hatten, dass die Krankenhäuser immer noch einmal ein eigenes CT erstellen mussten. Ansonsten hätte nicht operiert werden können. Der einzige Nachteil meiner jetzigen Radiologie-Praxis ist der, dass die Radiologen scheinbar Phantome sind. Kein Patient hat sie je gesehen. Es gibt keine Vor- und auch keine Nachbesprechung. Die Radiologen hocken in irgendwelchen Räumen – vermutlich zur Zeit im Homeoffice – und analysieren den ganzen Tag nur CT-Bilder ohne jegliche Störung durch Patienten. Das macht die Abläufe natürlich enorm schnell und effektiv, ist aber nicht so gut für das Nervenkostüm der Patienten. Vielleicht gibt es da ja eine geheime Zusammenarbeit mit der Neurologie. 😉

Ich weiß also mittlerweile, dass ich mich ca. zwei Tage gedulden muss, bis der Befund bei mir im Briefkasten und bei meiner Onkologin als Fax vorliegt. Dadurch dass die Postboten aufgrund von Corona beschlossen haben, nur noch alle zwei Tage Post zuzustellen, erhielt ich den Befund erst gestern – an einem Samstag. Wer schon mal so einen radiologischen Befund gelesen hat versteht, dass er zunächst gar nichts versteht. Kein einziger Satz ist für den Laien mit irgendeinem Sinn zu füllen. Jahrelange Erfahrung mit diesen Berichten haben mich eine Fremdsprache lernen lassen. Ich kultiviere dass auch so, indem ich mir jedes Mal die „neuen“ Vokabeln heraussuche und daneben mit Bleistift übersetze, nachdem ich meinen Freund Google befragt habe. Nach meiner gestrigen Analyse stellte sich der Befund wie folgt dar:

Es gibt zwei Auffälligkeiten im Bereich der Lungen. Auf der linken Seite, auf der ja eigentlich nichts mehr ist, scheint irgendwas im umliegenden Gewebe auffällig zu sein. Das wiederum kann jedoch auch noch von der OP kommen, sollte aber abgeklärt werden. Rechts sind – wie in den letzten CTs auch – einige kleine Punkte in der Lunge auffällig, die sich aber im Vergleich zum letzten CT von vor 6 Monaten größenmäßig nicht verändert haben. Dies soll bei den nächsten CTs erneut kontrolliert werden. Diese beiden Themen sind Fragen für die Lungenklinik. Ich werde dort anrufen und um einen Termin bitten.

Dann wurde im CT ein auffälliger Lymphknoten im linken Achselbereich beschrieben und eine leicht vergrößerte Gebärmutter. Das kann auch alles ganz harmlos sein, wären aber Fragen an den Professor aus dem gynäkologischen Krankenhaus, der meine Brust operiert hat. Also werde ich auch dort einen Termin machen.

Natürlich wurde dann noch die ganze Palette an Knochenmetastasen aufgeführt, die über das, was in der Szintigraphie zu sehen war noch weit hinausgehen. Die Radiologen sind offenbar was die Ergebnisse der Szintigraphie angeht total ignorant und beschreiben lieber zu viel, als zu wenig. Das ist mir aber auch egal, die Knochenmetastasen sind nicht mein primäres Problem. Es sind die nächsten beiden Erkenntnisse, die mich beunruhigen.

Es gibt einen hochgradigen Verdacht auf eine erneuten Tumor im Dickdarm und zwar dem Teil, der quer über den Bauch verläuft auf einer Länge von immerhin 2,5 cm. Außerdem hat der Radiologe im Bauchraum eine vermehrte Anzahl vergrößerter Lymphknoten entdeckt. Das könnte dazu passen, könnte aber auch aus der Tatsache resultieren, dass mein ganzes Lymphsystem sich neu ordnen muss nachdem so viele Lymphknoten in den letzten drei OPs entfernt wurden. Auf jeden Fall muss nun dringend eine Darmspiegelung erfolgen, um den Verdacht abzuklären. Ich werde gleich Montag bei meinem Internisten anrufen und bekomme hoffentlich zügig einen Termin.

Am Montag habe ich dann auch die telefonische Besprechung des CTs mit meiner Onkologin. Da ich den Bericht schon gelesen und analysiert habe, bespreche ich ihn wohl eher mit ihr, als sie ihn mit mir. Ich habe immerhin schon klare Vorstellungen, was jetzt zu tun ist. Das gibt mir ein wenig Kontrolle zurück, die ich dringend brauche. Die Vorstellung, dass mit einem erneuten Tumor im Darm nun alles von vorne beginnt, macht mich schier wahnsinnig. Doch wenn ich es als kosmische Rückstoßwelle sehe, sollte ich meine ohnehin knappe Energie nicht darauf verwenden, dagegen zu kämpfen, sondern zu akzeptieren, was ist und mich voller Vetrauen dem zuzuwenden, was kommt.

Diese Welle wird an mir vorüberziehen. Vielleicht nur mit einem leisen Plätschern, indem sich alle Auffälligkeiten in Nichts auflösen. Vielleicht aber auch mit einem rauschenden Krachen, welches mir die Füße unter dem Körper wegreißt. Doch irgendwann wird auch diese Welle ihre Kraft verlieren und ich stehe wieder auf – bereit den Weg der Heilung fortzusetzen.

Veröffentlicht von bluemchenfee

Im Oktober 2011 erhielt ich die Diagnose metastasierter Darmkrebs. Zu diesem Zeitpunkt war ich 38 Jahre alt und hatte zwei kleine Kinder im Alter von 3 und 6 Jahren. 2016 kam die Diagnose metastasierter Brustkrebs hinzu. Ich lebe in einer Kleinstadt im Hamburger Umland, bin mittlerweile geschieden, aber glücklich neu vergeben und alleinerziehende Mutter von zwei Pubertieren. Mein Alltagschaos zwischen Patchwork und Krebserkrankung wurde vor knapp zwei Jahren durch einen Hundewelpen abgerundet. Meine vielfältigen Erfahrungen mit der Erkrankung, der Heilung und den Herausforderungen, aber auch den Schönheiten des Alltags möchte ich in diesem Blog mit Euch teilen und damit hoffentlich anderen Betroffenen und Interessierten Mut machen. Meine kreativen Produkte, die ich hier auch immer mal wieder erwähne, findet Ihr übrigens unter bluemchenfeedesign.etsy.com

3 Kommentare zu „Kosmische Rückstoßwellen

  1. Liebe Anne, es werden sich „Alle Auffälligkeiten in Nichts auflösen“ und Du wirst Deinen „Weg zur Heilung“ siegessicher weiter gehen.
    Ich wünsche es Dir von ganzem Herzen mit stärkenden Gedanken an Dich
    Hedy

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  2. Liebe Anne,
    Was das für ein Stress für Dich bedeutet, kann ich nur ahnen. Ich wünsche Dir nichts mehr, als dass das alles nichts Schlimmes ist und Du weiter heilen kannst. Und spätestens zum Abitur wirst Du mit Maxi einen flotten Tanz aufs Parkett hinlegen und einen Anzug mit ihm kaufen gehen😃
    Alles Liebe, Anja❤️

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  3. Liebe Anne,
    Was das für ein Stress für Dich bedeutet, kann ich nur ahnen. Ich wünsche Dir nichts mehr, als dass das alles nichts Schlimmes ist und Du weiter heilen kannst. Und spätestens zum Abitur wirst Du mit Maxi einen flotten Tanz aufs Parkett hinlegen und einen Anzug mit ihm kaufen gehen😃
    Alles Liebe, Anja❤️

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