Große Ereignisse

Letzten Montag wurde ich zum zweiten Mal geimpft. Allerdings muss ich noch eine weitere Woche warten, bis die 14 Tage um sind, nach denen man auch offiziell als komplett geimpft gilt und fortan gesellschaftlich nicht mehr mitzählt.

Obwohl ich stündlich meiner kompletten Immunität näher komme, ist die Situation für mich noch nicht wirklich real. Ich habe Schwierigkeiten mein leicht schizophrenes Verhalten abzulegen, welches ich über zwölf Monate liebevoll gepflegt habe. Zum Beispiel halte ich immer die Luft an, wenn ein Jogger an mir vorbeirennt. Je nach Geschwindigkeit dieser Person bin ich dann schon dem Koma nahe, bis die Luft wieder rein ist – im wahrsten Sinne des Wortes. Außerdem habe ich eine große Abneigung Fahrstühlen gegenüber. Also eigentlich hab ich nichts gegen die Fahrstühle, sondern gegen andere Menschen in Fahrstühlen, die atmen. Daher nehme ich beim Besuch des Ärztehauses meistens die Treppe. Das ist allerdings eine Wahl zwischen Pest und Cholera. Im Treppenhaus ist es nämlich eng und voll und ich drehe mich jedes Mal zur Wand, wenn jemand an mir vorbeiläuft und atmet. Aufgrund meiner suboptimalen Lungenkapazität komme ich stets kurz vorm Herzkasper im zweiten Stock an und benötige mindestens fünf Minuten, um überhaupt wieder sprechen zu können. All das könnte ich jetzt getrost hinter mir lassen, aber so ganz kann ich mich noch nicht überwinden. Vielleicht sollte ich als Therapieansatz den Jogger bitten, mir mal direkt ins Gesicht zu prusten oder ich könnte an die Leute im Fahrstuhl so dicht heranrücken, dass ich den Atem nach abgestandenem Kaffee und Zwiebelmettbrötchen riechen kann. Ja, das hat mir gefehlt!

Auch das gesellschaftliche Leben nimmt nur langsam wieder an Fahrt auf. Ich hatte darauf gehofft, dass ich meinen Geburtstag am kommenden Wochenende schon mal mit mehr als einer Person feiern darf. Doch leider wird dieser Wunsch stark von der Gnade des Wettergottes abhängen. Da meine 14 Tage nach Impfung erst am 1. Juni um sind, zähle ich noch als Haushalt und mein Freund streng genommen als der zweite. Die Kinder sind am kommenden Wochenende beim Ex-Mann. Also steigt die Party bei schlechtem Wetter mit genau zwei Personen. Bei gutem Wetter können wir im Garten bedeutend mehr werden – je nachdem, ob voll geimpft, nicht geimpft, halb geimpft, getestet oder getoastet. Aufgrund des doch recht unbeständigen Wetters wage ich aber erst ab Freitag eine Entscheidung. Sollte es schlecht werden, flüchte ich sicherheitshalber zusammen mit meinem Liebsten an einen unbekannten Ort.

Viel wichtiger, als dieser unbedeutende Geburtstag irgendwo im höheren Vierzigerbereich ist jedoch die Konfirmation meines Sohnes am 5. Juni. Aus dem März 2020 in den Juni 2021 verschoben, erhoffte man sich eine reibungslose Feier, weil Corona dann ja längst überstanden sei. In den letzten Wochen sah es eher danach aus, dass die Konfirmation virtuell erfolgen würde und die anschließende Feier mit meinem Ex-Mann, den Kindern und mir stattfinden würde. Da hätten wir richtig Party gemacht. Nun ist klar, dass es einen realen Gottesdienst geben wird – zwar vor der Kirche, aber immerhin. Regenschirme hätten wir ja. Zur Feier dürfen sich zwar nach wie vor nur zwei Haushalte treffen… ABER: Eine ganze Reihe der geladenen Gäste inklusive mir zählen an diesem Tag nicht mehr dazu, weil sie voll geimpft sind oder noch keine vierzehn Jahre alt. Wir sind zwar einerseits anwesend, sobald einer anfängt zu zählen, aber auch nicht. Daher sind wir keine Haushalte sondern Hausgeister. Wir werden zu Neunt sein. Zwei Haushalte mit insgesamt drei Personen und sechs Hausgeister. Mein Vater ist dabei übrigens einer der beiden Haushalte. Obwohl er immerhin bereits einmal geimpft ist, hat er es noch nicht ganz zum Hausgeist geschafft – aber er flimmert schon. Ungeklärt bleibt die Frage, ob die Geister genauso viel essen, wie die Haushalte. Doch wir werden dazu bald eine Studie vorlegen können.

Die Festlichkeit steigt in guter Corona-Tradition zu Hause. Und zwar bei mir. Daher bin ich jetzt am planen und organisieren, damit dieser Tag trotz aller Widrigkeiten ein schönes Erlebnis für meinen Sohn wird. Selbstverständlich habe ich als erstes eine Check-Liste erstellt – wer könnte ohne leben? Dann habe ich das Internet leer gekauft. Neues Geschirr musste her, denn mal ehrlich, ich kann die Gäste doch nicht vom zusammengewürfelten Ikea-Geschirr essen lassen und „gutes“ Geschirr habe ich nur für Frühstück und Kaffeetrinken. Leider ist die Konfirmation erst um 16 Uhr. Da wird es mit dem Kaffeetrinken nichts und deswegen war ich gezwungen neues Tafelgeschirr zu kaufen. Ihr versteht das sicherlich. Nach eingehender Recherche habe ich mich wieder für den dänischen Hersteller Greengate entschieden, von denen auch mein Kaffeeservice ist. Ich habe es wirklich mit Rosenthal, Villeroy&Boch, Hutschenreuther und Co. versucht, aber es gefiel mir nicht mal ansatzweise irgendwas davon. Greengate steht den renommierten deutschen Porzellanmanufakturen preislich in nichts nach, hat allerdings den Nachteil oder auch den Charme, dass es keine kompletten Serien von einem Design gibt, sondern eine Mischung verschiedener Designs in der gleichen Farbfamilie. Diese Designs werden zudem auch nur wenige Saisons hergestellt. Danach werden sie quasi zu Sammlerstücken und man findet sie nur noch vereinzelt in einigen Online-Shops oder über Ebay. Trotzdem, trotzdem – es musste Greengate sein. Die Speiseteller, die ich mir ausgesucht habe, sind einfach zu schön und es gibt farblich dazu passende kleine Teller für die Vorspeise. Also wird es eine Vorspeise geben. Danach werden wir grillen. Ich konnte mich gerade noch davon abbringen, dass es auch noch eine Suppe geben wird. Vielleicht würde das etwas viel werden und die süßen Suppentassen kann ich mir ja später immer noch dazukaufen oder wünschen. Außerdem brauchte ich noch Wein- und Wassergläser, denn davon habe ich nicht genug für neun Personen und zusammengewürfelter Kram geht natürlich für eine anständige Konfirmationsfeier gar nicht. Also habe ich mir bei Depot Gläser im Landhausstil bestellt. Sowas wollte ich immer schon mal haben. Beim Besteck war ich hingegen sehr sparsam – ich bin wirklich stolz auf mich! Wir verwenden einfach unser Alltagsbesteck, denn das ist tatsächlich altes Silberbesteck, welches man bei Ebay für einen Appel und ein Ei nachgeworfen bekommt. Die Leute wollen heutzutage nämlich kein Silberbesteck mehr. Ich finde es aber nach wie vor superschön. Ich habe schon ziemlich viel davon, aber mir fehlten noch ein paar Löffel – für die Suppe? Also habe ich die Löffel kurzerhand über Ebay dazugekauft. Nun muss das Ganze allerdings noch geputzt werden… wo sind die Kinder?

Was braucht man noch? Eine Tischdecke für die ganze Länge des ausgezogenen und mit Beistelltisch verlängerten Esstischs. Das sind fast drei Meter. Diese Tischdecke nähe ich natürlich selbst aus wunderschönem hellgrauen Leinen, der im Ton genau zum Geschirr passen wird. Den Stoff habe ich schon… länger. Wenn es etwas gibt, dass ich hasse, dann das Nähen von so großen Projekten wie Gardinen und Tischdecken. Unendlich viel Stoff, unendlich viel bügeln, abmessen und umstecken. Das Nähen ist der kleinste Teil der Arbeit. Total öde. Völlig unkreativ. Aber morgen mache ich das – ich habe es mir fest vorgenommen. Außerdem wird es passend zur Tischdecke Leinenservietten geben und zwar mit gesticktem Monogramm für jeden Gast. Darauf freue ich mich, sowas macht mir Spaß.

Der Sohnemann ist eingekleidet, mit hellgrauem Anzug, Weste, weißem Hemd und schwarzem Gürtel. Keine Krawatte – das ist uncool. Man trägt den obersten Hemdknopf offen. Ich finde mein Sohn sieht in diesem Outfit umwerfend gut aus und ich bin echt froh, dass ihm die Sachen passen, er ist nämlich riesig und superschlank. Wir nennen ihn auch den Storch. Aber die Herrengröße 94 passt ihm wie angegossen. Nur die Schuhe fehlen noch. Aber die sind schon ausgesucht, wir warten jetzt nur noch auf die richtige Größe. Zu meiner Zeit trugen die Jungs zur Konfirmation ein Blumengesteckt am Revers. Ich habe das Thema daher neulich am Frühstückstisch schüchtern zur Sprache gebracht und wurde natürlich prompt ausgelacht. Ich bin so 80er!

Jetzt muss ich mich noch um die Vorbestellung der Vorspeise beim Italiener kümmern. Ich dachte an eine Antipasti-Auswahl. Dann muss ich die Getränke besorgen und fürs Grillen einkaufen. Zum Nachtisch gibt es die Lieblingsnachspeise vom Storch: Crème Brulée, die kann ich gut vorbereiten. Dann muss ich mich noch um eine kleine Rede kümmern und meine Tochter wollte eine Diashow vorbereiten. Trotzdem denke ich immer, ich habe etwas Wichtiges vergessen. Bestimmt schrecke ich demnächst nachts aus dem Tiefschlaf hoch und frage mich entsetzt: Haben wir überhaupt genug Klopapier?

Zum Glück kann ich all dies in sehr guter körperlicher Verfassung planen und durchführen. Ich bekomme nämlich seit ca. acht Wochen keine Chemotherapie mehr. Die Chemotherapie, von der ich in meinem letzten Beitrag schrieb, war – was ich damals allerdings noch nicht wusste – erstmal meine letzte. Meine Leberwerte waren zwei Wochen nach der Therapie derartig schlecht, dass meine Onkologin die nächste Chemo erstmal um eine Woche verschob. Da sich die Leberwerte zu dem Zeitpunkt zwar schon etwas verbessert hatten, aber noch fernab jeglicher Normwerte waren, meinte sie dann, wir können so nicht weitermachen. Ich schob diese Extremwerte auf die parallel laufende Kortisontherapie wegen meiner Lunge, aber sie meinte, dass das Kortison nicht auf die Leber schlägt. Allerdings habe ich während dieser Zeit sehr wenig geschlafen, so dass der Schlafmangel und der daraus resultierende Mangel an Regenerationszeit für die Leber vermutlich mit ein Grund für diese schlechten Werte waren. Trotzdem war nicht von der Hand zu weisen, dass meine Leber auf die Therapie mit Kadcyla zunehmend extremer reagierte. Wir einigten uns daher darauf, dass wir eine „Organpause“ machen, um der Leber – aber auch der Lunge – Zeit zur Erholung zu verschaffen. Die Pause ist erstmal auf unbestimmte Zeit vereinbart und währenddessen erhalte ich nur den Antikörper Trastuzumab, der keine nennenswerten Nebenwirkungen hat. So wie es bis letzten Sommer war. Das hat dann ja aber irgendwann nicht mehr gereicht und es kam zu Metastasen des Brustkrebs im Darm. Ich hoffe natürlich, dass jetzt keine neuen Metastasen irgendwo entstehen oder weiterwachsen. Wir kontrollieren die Tumormarker alle acht Wochen und alle zwölf Wochen habe ich CT. Daher hoffe ich, dass wir irgendwelche Veränderungen rechtzeitig bemerken würden.

Das CT ist auch so eine Sache. Ich schrieb in meinem letzten Beitrag davon, dass sich die Radiologen bezüglich des Schlachtfeldes in meiner Lunge nicht festlegen wollen. Leider wollen sie das immer noch nicht. Das CT im Mai hat in Bezug auf die Lunge keine Erhellung gebracht. Zum Glück ist alles andere nicht auffällig. Ende April war ich zur Nachbesprechung der Bestrahlung im Strahlenzentrum. Dort beruhigte mich der Arzt und meinte, seiner Meinung nach sind die Auffälligkeiten auf den Bildern dem Vernarbungsprozess nach der Bestrahlung zuzuschreiben. Ich solle ihn aber mit den neuen CT-Bildern aus dem Mai auf dem Laufenden halten. Die habe ich ihm nun letzte Woche geschickt und warte noch auf seine Antwort.

Kurz, mit der Lunge ist wahrscheinlich alles in Ordnung, der Rest meines Körpers muckt zur Zeit auch nicht auf, das Kortison ist abgesetzt, die Leber erholt sich und Chemo bekomme ich auf unbestimmte Zeit nicht mehr. Über alles weitere mache ich mir erst Gedanken, wenn es notwendig werden sollte.

Eben erklang neben mir auf dem Handy das erfreuliche Etsy-Kasching, dass eine Bestellung in meinem Online-Shop signalisiert. Im letzten Beitrag schrieb ich über Osteranhänger, Eierwärmer und Scrunchies und darüber, dass ich verschiedene Dinge ausprobiere, bis ich ein Produkt finde, dass richtig guten Anklang findet. Das sind jetzt meine Impfpasshüllen aus Filz. Die sind der wahre Renner – fast wie im letzten Jahr die Masken. Das hält mich im Moment gut beschäftigt. Ich biete zur Zeit nur ein paar Designs an, darunter aber ein maritimes Motiv mit Anker in verschiedenen Farbkombinationen. Meine übrigen maritimen Produkte sind aber auch gut gefragt. Das war mir als Norddeutsche vorher nie so bewusst. Aber selbst ich bin jetzt total begeistert von maritimen Motiven und könnte das ganze Haus damit dekorieren. Wenn Ihr neugierig seid, schaut einfach mal rein: bluemchenfeedesign.etsy.com

Im nächsten Beitrag werde ich Euch berichten, ob ich meinen Geburtstag feiern konnte, wie die Konfirmation gelaufen ist, ob ich doch noch die Suppenschüsseln gekauft habe und wie es mit dem geplanten USA-Aufenthalt meines Sohnes voran geht. Gesundheitlich gibt es bis dahin hoffentlich nichts Neues zu berichten – und wenn, dann nur Gutes!

In diesem Sinne wünsche ich Euch eine wunderschöne restliche Pfingstwoche – bleibt gesund und passt auf Euch und die Anderen auf!

Werbung für eigenen Online-Shop und wegen Markenerkennung, unbezahlt und unbeauftragt.

Veröffentlicht von bluemchenfee

Im Oktober 2011 erhielt ich die Diagnose metastasierter Darmkrebs. Zu diesem Zeitpunkt war ich 38 Jahre alt und hatte zwei kleine Kinder im Alter von 3 und 6 Jahren. 2016 kam die Diagnose metastasierter Brustkrebs hinzu. Ich lebe in einer Kleinstadt im Hamburger Umland, bin mittlerweile geschieden, aber glücklich neu vergeben und alleinerziehende Mutter von zwei Pubertieren. Mein Alltagschaos zwischen Patchwork und Krebserkrankung wurde vor knapp zwei Jahren durch einen Hundewelpen abgerundet. Meine vielfältigen Erfahrungen mit der Erkrankung, der Heilung und den Herausforderungen, aber auch den Schönheiten des Alltags möchte ich in diesem Blog mit Euch teilen und damit hoffentlich anderen Betroffenen und Interessierten Mut machen. Meine kreativen Produkte, die ich hier auch immer mal wieder erwähne, findet Ihr übrigens unter bluemchenfeedesign.etsy.com

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