Was freier Wille mit Keywordrecherche zu tun hat

Ein herzliches Willkommen an meine treue Leser-Community! Nun ist der Sommer vorbei – ich sitze hier bei Tee und Kerzenschein und sinniere darüber, was ich Euch erzählen kann. Also, was ist passiert?

Der Auswanderer fühlt sich offenbar sehr wohl in Texas und hat dort auch schon Anschluss gefunden. Er hatte kürzlich Homecoming an seiner Schule. Ein Ereignis, welches viele amerikanische Highschools, Colleges und Universitäten Anfang Herbst feiern. Es richtet sich an die ehemaligen Absolventen. In der Regel findet ein sportliches Event, ein Ball und manchmal auch eine Parade statt. Auf dem Ball wird oft eine Homecoming-Queen gewählt. In Texas gibt es allerdings eine Tradition, die echt schräg ist. Mein Sohn hatte ein Date für den Homecomingball. SIE hat ihn gefragt und SIE ist Cheerleaderin und sehr hübsch – volles Klischee also. Dem Homecoming-Date bringt man in Texas eine sogenannte „Mum“ mit. Als mein Sohn mir davon berichtete, dachte ich erst, er wolle seine Gastmutter mitnehmen und fand das schon ein wenig seltsam. Er meinte, ich müsse mal googeln. Google zeigte mir daraufhin Bilder von vollkommen überdimensionierten Rosetten (solche, die man bei Reitturnieren gewinnt). Sie sind mit viel Blingbling und Glitzer, oft auch mit Stofftieren bestückt und es hängen ganze Flutwellen von Bändern daran. Das Mädel hängt sich das Teil während des sportlichen Events um den Hals und egal wie schön sie ist, sie sieht damit aus wie eine Schießscheibe auf Extasy. Googelt mal Homecoming Mum, dann wisst Ihr was ich meine.

Was war noch? Ich habe meine Corona-Antikörper bestimmen lassen. Mein Internist hat mich auf die Liste für die dritte Impfung gesetzt und ich wollte mal wissen, ob das überhaupt (schon) notwendig ist. Hinzu kam, dass in meinem Bekanntenkreis jemand trotz doppelter Impfung an Corona erkrankt ist. Er benötigte zwar keine ärztliche Hilfe, war aber doch einige Tage ziemlich krank und ist immer noch sehr schlapp. Da ich die erste Impfung zu einer Zeit erhalten haben, in der ich noch unter Chemo und Kortison stand, war ich mir auf einmal unsicher, ob die Impfung überhaupt angeschlagen hat. Ich fühlte mich seitdem zwar ziemlich immun, aber vielleicht war das ein Trugschluss. Also habe ich die Antikörper mit einem Bluttest bestimmen lassen, der irgendein Protein untersucht. Als ich in der Praxis anrief, um das Ergebnis zu erfragen, kam die Antwort von der Sprechstundenhilfe: „Sie haben Antikörper“ – Stille – Ich: „Wie viele denn?“ Sie: „220“ – Stille – 220 Stück? denke ich und frage: „Ist das genug?“ Das könne man nicht sagen, wurde mir erklärt. Alles was unter 80 ist, sei allerdings zu wenig. Naja, 220 ist ja deutlich mehr. Doch ich konnte sie zu keiner konkreteren Aussage überreden. Auch im Netz konnte ich keine klaren Angaben dazu finden, weil es die wohl tatsächlich noch nicht gibt. Letztlich habe ich jetzt für mich entschieden, dass 220 (übrigens U/ml) für die nächsten drei Monate ausreichen und ich mich Anfang Januar noch einmal testen lasse. Wenn die Antikörper dann abgenommen haben, lasse ich mich zum dritten Mal impfen. Vielleicht gibt es bis dahin auch nähere Erkenntnisse dazu, wie viele Antikörper üblicherweise „genug“ sind.

Bezüglich meines etsy-Shops hat sich diesen Monat eine Menge getan. Zunächst einmal scheint das Sommerloch vorbei zu sein. Wenn der September nur der Auftakt für ein furioses Jahresendgeschäft war, werde ich zukünftig deutlich mehr nähen, als vor dem Rechner zu sitzen oder mich einfach klonen, dann kann ich beides machen. Den September habe ich nämlich hauptsächlich vor dem PC verbracht. Ich hatte einen äußerst interessanten Online-Kurs zum Thema SEO (Search Engine Optimization) oder zu Deutsch Suchmaschinenoptimierung absolviert, der über vier Wochen ging. Darin habe ich viel gelernt, insbesondere natürlich darüber, wie ich die Wörter für meine Produktbeschreibungen, Titel und Suchbegriffe in etsy so optimiere, dass meine Produkte von möglichst vielen Nutzern gefunden werden. Eine kleine Demonstration?

Angenommen Ihr wollt ein Geschenk kaufen. Ihr habt keine Ahnung was, daher googelt Ihr, um Ideen zu bekommen. Was gebt Ihr ein? Wahrscheinlich: Geschenkideen – dazu werden knapp 52 Millionen Einträge gefunden. Ungefähr 5 davon verweisen auf meinen etsy-Shop. Also wenn ich Lotto spielen würde, wäre es wahrscheinlicher die Million abzusahnen, als dass einer von Euch über dieses Keyword meinen Shop findet. Aber glaubt Ihr denn, dass Ihr dem tollen Geschenk mit 52 Millionen Einträgen näher kommt? Oben stehen zu Beginn die Anzeigen von Unternehmen, die richtig viel dafür bezahlen. Dann kommen die üblichen Verdächtigen, die am meisten angeklickt werden – also Amazon und Co. Richtig individuell ist das nicht und die Bombengeschenkidee kommt dabei auch nicht rum. Was sollte man also tun? Die Suche weiter eingrenzen. Ihr müsst Euch also wohl oder übel noch ein paar Details überlegen. Sinnvoll sollte das Geschenk vielleicht sein. Also nichts, was demnächst gleich wieder im Müll landet. Also gebt Ihr ein: Sinnvolle Geschenkideen – und schwupps, es werden nur noch gut 1 Million Ergebnisse gefunden. Das ist irgendwie immer noch zu viel, wenn Ihr nicht den ganzen Tag damit verbringen wollt, aber es stehen immerhin schon mal andere Websites im oberen Bereich. Also überlegt Ihr Euch vielleicht, dass Ihr etwas dekoratives schenken möchtet, was gleichzeitig sinnvoll ist. Also gebt Ihr ein: Sinnvolle Geschenkidee Deko und siehe da: 152.000 Ergebnisse. Solche Suchbegriffe aus mehreren Wörtern nennt man Longtail-Keywords. Die Wahrscheinlichkeit auf meinen Shop zu stoßen (wenn ich diese Worte exakt so in meinen Titeln, Keywords oder Text verwendet habe) ist deutlich gestiegen. So funktioniert SEO für die Nutzer. Auf Seiten der Anbieter kommt aber noch hinzu, dass geprüft werden muss, wie oft nun nach „Sinnvolle Geschenkideen Deko“ überhaupt gesucht wird, das habe ich mir schließlich eben selber ausgedacht. Diesen Vorgang nennt man Verifizieren. Da kommen jetzt das Google-Keyword Tool und das Karma Keyword Tool zum Einsatz. Dort gebe ich das tolle neue Keyword „Sinnvolle Geschenkideen Deko“ ein und stelle fest: MÖÖÖP – Der Zonk (kennt Ihr den noch?) Es wurde kein einziges Mal mit diesem Keyword gesucht. Ist also für die Tonne. So sucht man in guter Sherlock Holmes Manier für jedes einzelne Produkt nach mindestens 15 Keywords, die von Nutzern auch verwendet werden UND das Suchergebnis in Google zumindest um ein Vielfaches verringern. Für die Suche direkt auf etsy gilt das analog, nur dass es dort zum Glück nicht so viele Suchergebnisse gibt – aber trotzdem noch zu viele um kein SEO zu betreiben. Aber zunächst muss der Nutzer natürlich erstmal auf die Idee kommen direkt bei etsy zu suchen. Viele kennen etsy (noch) nicht oder suchen aus Gewohnheit erstmal nur über Google. Und wenn ich dann ein für etsy UND google richtig gut eingegrenztes Keyword gefunden habe, laufe ich rum wie Schlemil (das mache ich ja gerne), reiße den Mantel auf und flüstere Grobi ins Ohr: Ein superdupertolles Keyword? Der schreit: Ein verifiziertes Longtailkeyword? und ich: Pst! Genau!

Tja, nun wisst Ihr, was ich den Tag über so treibe. Darüber hinaus habe ich mich in das Design-Tool Canva verliebt und damit die Optik meines Shops verbessert (sieht man aber nur über den Desktop) – also legt doch mal das Handy weg und gebt Bluemchenfeedesign.etsy.com über den PC ein und guckt es Euch an. Da sieht man sowieso viel mehr, als auf den mobilen Geräten. Instagram ist auch noch so eine Baustelle. Ich habe mir ebenfalls über Canva ein paar Vorlagen gebastelt und mir vorgenommen, mindestens einmal die Woche etwas zu posten. So richtig viel Resonanz hat das bisher noch nicht – aber steter Tropfen höhlt den Stein. Pinterest muss ich mir auch noch vornehmen – aber das kommt nächstes Jahr dran.

Um dem allen die Krone aufzusetzen, habe ich auch noch meine Steuererklärung gemacht, die ich seit Monaten vor mir her geschoben habe. Zum ersten Mal mit Gewerbe und – Ihr erinnert Euch – mit Verlust. Wer die Story noch nicht kennt, sollte meinen Beitrag David gegen Goliath lesen. Mein Buchhaltungstool hat mir eine Gewinn- und Verlustrechnung erstellt und ich habe mich damit fröhlich mit dem WISO-Steuersparbuch ans Werk gemacht. Nur dass WISO irgendwie ganz andere Zahlen wollte und nicht davon abzubringen war, eine eigene GuV zu erstellen. Ich habe eine geschlagene Stunde damit verbracht, eine Tankquittung zu verbuchen, die im Zuge der Anfahrt zu meiner Anwältin entstanden ist. Jedes Mal, wenn ich dachte, jetzt das richtige Feld gefunden zu haben und es dort eingetragen hatte, kam eine Fehlermeldung. Entweder sollte ich mein Auto als Betriebsinventar eintragen, irgendwelche Leasing-Raten eingeben oder Mitreisende benennen. Zum Schluss habe ich es schon tief bedauert, überhaupt mit dem Auto dorthin gefahren zu sein. 30 Kilometer zu Fuß erschienen mir plötzlich als echte Alternative. Leider konnte ich die Summe aber auch nicht unter den Tisch fallen lassen, denn in meiner GuV war sie korrekt verbucht. Letztlich habe ich sie irgendwo eingetragen, wo das System nicht gemeckert hat und hoffe, dass das Finanzamt das nicht so genau nimmt – kreative Buchführung nennt sich sowas glaube ich. Am Ende konnte ich die Steuererklärung elektronisch an das Finanzamt übermitteln und musste zuvor so eine seltsame Online-Legitimation über mich ergehen lassen. Die Art, wo man mit jemandem aus einem Callcenter chattet und mit seinem Ausweis vor der PC Kamera herumwinkt. Als das überstanden war, war die Steuererklärung erledigt. Wie jetzt? Keine Belege hinterherschicken oder einscannen? Nicht mal die GuV? Nee, gar nichts. Das Finanzamt würde sich schon melden, wenn sie was haben wollen. Na, da bin ich mal gespannt.

Wenn man wie ich einen etsy-Shop zum Erfolg führen möchte, sind übrigens die Jahreszeiten total durcheinander. Das erlebe ich dieses Jahr zum ersten Mal so richtig und es ist echt seltsam. Im Sommer ist gedanklich Weihnachten und ich nähe die ersten Prototypen – beurteile dann, ob sie für den Verkauf im Shop taugen. Jetzt Anfang Herbst laufen die letzten Vorbereitungen für das Weihnachtsgeschäft auf Hochtouren. Was bis Mitte Oktober nicht im Shop ist, hat keine Chance mehr. Gedanklich bin ich schon im Januar und sogar bereits im Frühling. Ich habe noch vier winter-weihnachtliche Kissenhüllen, die in den Shop müssen. Das wird es dann aber auch gewesen sein. Ich habe zwar ständig neue Ideen, aber die verschiebe ich ins nächste Jahr.

So wie mir geht es vielen Menschen, die saisonabhängig arbeiten. Aber was macht das mit einem? Ich habe zumindest das Gefühl, den Sommer nicht richtig wahrgenommen zu haben, gedanklich war ja Weihnachten. Meine Hoffnung ist nun, dass dies nur in diesem Jahr so extrem war, weil alles neu für mich ist und auch der Shop bis auf die Masken zu Jahresanfang noch leer war. Die Masken sind nun ganz raus und es sind stattdessen über 50 Produkte dort zu finden. Nächstes Jahr wird im Zeichen der Optimierung stehen. Produktlinien, die gut laufen, werden erweitert. Produkte, die sich gar nicht oder schlecht verkaufen, verlassen den Shop. Aber es ist nicht mehr so eine Hauruck-Aktion zu erwarten, wie in diesem Jahr. Aber eins ist jetzt schon klar: Vom Herbst werde ich auch nicht viel haben.

Und ich glaube das ist der Punkt an dem ich mal betonen muss: Ich könnte ja anders, wenn ich wollte – aber ich will nicht. Ich verzichte bewusst auf Sommer und Herbst, weil es mir einfach so viel Spaß macht – ja selbst die verrückte Keywordrecherche. Ich beschäftige mich von früh morgens bis spät Abends mit dem etsy-Shop und falle danach erschöpft ins Bett – und zwar glücklich! Wenn ich sticke, nähe, fotografiere, recherchiere oder diverse andere Tätigkeiten für den Shop ausführe, kommt es vor, dass ich Raum und Zeit vergesse und zum Beispiel die Klingel nicht mehr höre. Das geht mir übrigens auch beim Schreiben so. Hätte man mir vor 20 Jahren gesagt, dass ich einmal mein Geld mit einem Online-Shop verdienen würde, in dem ich meine eigenen Handmade-Produkte verkaufe, ich hätte es nicht geglaubt. Ich wäre das Risiko einer Selbständigkeit auch niemals eingegangen. Da musste erst der Krebs kommen, um mich dazu zu zwingen, mir eine Alternative zu einem Angestelltenverhältnis zu suchen. Erst dadurch ist mir klar geworden, wo meine Leidenschaft eigentlich liegt und dass ich im Grunde nie wieder angestellt arbeiten möchte. Ich mochte meinen Beruf sehr und bin meistens gerne zur Arbeit gegangen. Aber jetzt fühle ich mich glücklich und voller Leidenschaft. Der alte Slogan meines ehemaligen Arbeitgebers „Passion to Perform“ – jetzt macht er Sinn für mich! Wenn Ihr morgens aufsteht und mit Magengrummeln zur Arbeit geht oder Euch widerwillig im Homeoffice an den Rechner setzt, haltet mal inne und denkt nach. Ich bin davon überzeugt, dass jeder eine Leidenschaft hat und dass uns oft nur der Mut fehlt, sie umzusetzen. Manchmal zwingt uns das Schicksal dazu, aber Ihr dürft Euch auch schon vorher dazu entscheiden genau das zu tun, was Ihr liebt.

Das Wertvollste, was wir besitzen und was uns von den meisten anderen Spezies unterscheidet, ist der freie Wille. Egal, ob es um berufliche Tätigkeiten geht, die Liebe, unsere Zukunftspläne, eine Bundestagswahl oder einfach nur darum, ob wir unseren Kaffee heute mit Zucker trinken möchten. Wir dürfen es entscheiden. Ist das nicht großartig? Wir entscheiden uns ständig – meist unbewusst. Wir entscheiden uns interessanterweise auch für Dinge, die total blöd sind und uns überhaupt nicht gut tun und zwar zum Teil aus noch bizarreren Gründen oder Gründen, die wir gar nicht kennen und nie hinterfragt haben. Wenn mir das Schicksal übel mitspielt, hilft mir folgender Gedanke: Mein Wille ist frei. Ich darf mich entscheiden, die Situation beizubehalten oder zu verändern (möglicherweise mit Hilfe). Wenn sie sich nicht verändern lässt, kann ich mich entscheiden, meine Einstellung dazu zu verändern. Wenn ich das nicht tue und stattdessen rumjammere, ist das auch meine Entscheidung. Wir sind nie Opfer irgendwelcher Umstände – wir sind höchstens Opfer unseres freien Willens.

Genießt den Herbst und denkt gelegentlich mal daran, Euch bewusst für etwas zu entscheiden, das Ihr liebt…

Veröffentlicht von bluemchenfee

Im Oktober 2011 erhielt ich die Diagnose metastasierter Darmkrebs. Zu diesem Zeitpunkt war ich 38 Jahre alt und hatte zwei kleine Kinder im Alter von 3 und 6 Jahren. 2016 kam die Diagnose metastasierter Brustkrebs hinzu. Ich lebe in einer Kleinstadt im Hamburger Umland, bin mittlerweile geschieden, aber glücklich neu vergeben und alleinerziehende Mutter von zwei Teenagern. Mein Alltagschaos zwischen Patchwork, Hundeerziehung und Krebserkrankung wird seit einem guten Jahr durch mein kleines Unternehmen Blümchenfeedesign abgerundet. Eigentlich aus der Not heraus entstanden, habe ich mir damit den Traum einer Selbständigkeit im kreativen Bereich erfüllt. Meine Produkte findet Ihr unter bluemchenfeedesign.etsy.com oder auf Instagram unter bluemchenfeedesign. In diesem Blog schreibe ich über meine vielfältigen Erfahrungen mit der Erkrankung, der Heilung und den Herausforderungen, aber auch über die lustigen und schönen Seiten des Alltags und die Chancen, die sich selbst in so einer Situation bieten. Damit möchte ich anderen Betroffenen, Angehörigen und Interessierten Mut machen. Es gibt immer einen Weg und am Ende wird alles gut!

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