Brust-OP in Zeiten von Corona

Am Freitag, den 13. März hatte ich das Vorgespräch zur Brust-OP im Krankenhaus. Corona war innerhalb einer Woche zum großen Gesprächsthema geworden und staatlich angeordnete Einschränkungen wurden erwartet und bereits heiß diskutiert. Im Krankenhaus merkte man das daran, dass seit diesem Tage nur noch Einzelpersonen mit Termin das Krankenhaus betreten durften. Mein Vater, der mich hingefahren hatte, musste also im Auto warten. Ein Empfangsdrache öffnete den Patienten mit Summer die Tür und überwachte anschließend mit Argusaugen die ordnungsgemäße Händedesinfektion. Ich fühlte mich dadurch im Krankenhaus vor Corona sicher.

Das Krankenhaus ist ein altehrwürdiges Gebäude und das Mammazentrum liegt im vierten Stock. Der Fahrstuhl geht nur bis zum dritten. Das restliche Stockwerk musste ich also wohl oder übel zu Fuß überwinden. Ich schaffte das auch, konnte danach aber erstmal ein paar Minuten nicht sprechen. Als ich meine Sprache wieder gefunden hatte, erklärte ich den verdutzten Sprechstundenhilfen, dass mir gerade nicht meine Stimmbänder, aber ein Lungenflügel entfernt worden ist. Das wiederum fanden sie beeindruckend und teilten mir mit, dass es im hinteren Teil des Hauses einen Fahrstuhl gibt, der auch bis in den vierten fährt.

Leider war an diesem Tag – vielleicht lag es am Datum – die komplette EDV des Krankenhauses abgestürzt. Es konnten keine Versicherungskarten eingelesen, keine Termine gemacht, und nichts im Computer dokumentiert werden. Der Arzt sprach trotzdem mit mir und machte sich handschriftliche Notizen. Er war erstaunt über meinen guten Zustand nach der Lungen-OP, wie überhaupt alle Ärzte, mit denen ich es zu tun hatte. Wir besprachen meine Vorgeschichte und die sah man mir nicht an, meinte er. Wenn er es nicht schwarz auf weiß lesen würde, hätte er es mir nicht geglaubt. Hätte ich es nicht schwarz auf weiß gelesen, dann hätte ich ihm nicht geglaubt, dass er Professor für Onkologie und Gynäkologie ist. Er ist das absolute Gegenteil eines Professors, so mitte vierzig, dynamisch, sportlich, gutaussehend. Ich suchte unauffällig nach dem Kamerateam, welches gerade die aktuelle Folge von Ärzte aus Leidenschaft dreht. In Punkto Klischee konnten wir also beide noch was lernen.

Die Brust-OP würde keine großen Probleme bereiten, meinte er. Allerdings würde er vorher gerne noch eine aktuelle Diagnostik in Form einer Mammographie haben, damit er entscheiden kann, wie groß der Umfang der OP werden wird. Sicherheitshalber auch von der anderen Brust. Ich war ein wenig skeptisch in Bezug auf die Mammographie, denn die Uniklinik hatte anhand dieser Diagnosemethode damals keinen Brustkrebs erkennen können. Ich bezweifelte, dass das Ausmaß nun plötzlich auf einer Mammographie zu sehen sein würde. Auf einen Versuch kam es aber zumindest an. Weil an diesem Tag keine Termine gemacht werden konnten, wollte sich das Mammazentrum noch einmal telefonisch bei mir melden.

In der folgenden Woche wurde ich dann nochmals in das Krankenhaus zitiert, um meine Versichertenkarte einzulesen, mir diverse Überweisungen mitzugeben und die Termine zu machen. Ich fuhr diesmal allein dorthin und alles war innerhalb von 15 Minuten erledigt. Die Mammographie war auf den 2. April und die OP auf den 14. April terminiert worden. Das Gespräch mit der Anästhesie fand telefonisch statt.

Seit dieser Woche diktierte der Corona-Virus das Tagesgeschehen. Die Kinder wurden von der Schule freigestellt und viele Menschen blieben zu Hause. Zum Glück habe ich sehr liebe Nachbarn und Freundinnen, die unermüdlich für mich einkauften und in den Nudel-, Klopapier-, Mehl- und Hefeschlachten kämpften. Ich musste also nur für dringend notwendige Arzttermine aus dem Haus. Das alles kam mir allerdings ganz gelegen, denn ich fühlte mich immer noch nicht fit und ruhte mich nach wie vor viel aus. Dass die Kinder morgens nicht zur Schule mussten, erleichterte vieles für mich und wir stellten direkt auf Ferienmodus um. In diesem Modus frühstückten wir nie vor 11, ehrlicherweise eher um 12. Das ist herrlich, denn ich konnte ausschlafen, rumtrödeln, in Ruhe mit dem Hund gehen und alles ohne Stress und Zeitdruck erledigen.

Ich habe durchaus Angst vor Corona. Ich glaube zwar, dass die meisten Menschen sich keine Sorgen machen müssen, aber ob das auf mich zutrifft, weiß ich nicht genau. Ich müsste es auf jeden Fall mit nur einer Lungenhälfte schaffen und das klingt bedrohlich. Andererseits ist nicht gesagt, dass es mich überhaupt schlimm erwischen würde. Vielleicht hätte ich einen milden Verlauf. Das ganze schwebt wie ein Damoklesschwert über mir und die Tatsache, dass über kurz oder lang zweidrittel der Bevölkerung infiziert sein werden, verheißt nichts Gutes. Meine einzige Chance ist daher, mein Immunsystem so fit wie möglich zu halten.

Da das Krankenhaus nur gynäkologische und onkologische Patienten hat und es dort keine Intensivstation gibt, werden keine Corona-Patienten aufgenommen und die OP-Termine sind sicher. Am 2. April fuhr ich also erneut ins Krankenhaus zur Mammographie. Diesmal bekam ich gleich am Empfang einen Mundschutz verpasst, die musste ich während der gesamten Zeit im Krankenhaus aufbehalten. Das fand ich eine sehr gute Idee, denn die Ärzte und Assistenten hatten auch einen Mundschutz und so fühlte ich mich recht sicher.

Die junge Ärztin, die die Mammographie auswertete, war sehr gründlich. Sie konnte darauf sehr wohl sehen, dass die Brust von Krebs befallen ist. Mir ist bis heute schleierhaft, wieso eine Uniklinik das nicht erkennen konnte. Zusätzlich machte sie noch ein Ultraschall. Ihres Erachtens musste die gesamte linke Brust weg, sowie auch alle Lymphknoten, da die auch deformiert waren. Sie guckte sich auch die rechte Brust an und meinte, dass es dort eine Stelle gibt, die ebenfalls auffällig ist. Zur Sicherheit wollte sie dort eine Biopsie machen. Gesagt getan, kurz örtlich betäubt und zack zack, vier Proben entnommen, ohne den geringsten Schmerz. Das war damals bei der Uniklinik auch anders. Eine meiner grauenvollsten Erinnerungen. Das Ergebnis sollte am Montag vorliegen. Sie sagte mir außerdem, dass die Tatsache, dass auf dem PET-CT nur noch ein kleiner Bereich der linken Brust als Tumor zu erkennen war, nichts zu bedeuten hat. Ich habe nämlich jahrelang den Antikörper Trastuzumab gegen den Brustkrebs erhalten, der dazu führt, dass die verbliebenen Krebszellen nicht mehr so gut oder gar nicht mehr auf das radioaktive Kontrastmittel ansprechen. Das bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass sie alle tot sind. Es kann durchaus noch aktives Krebsgewebe vorhanden sein und das ist sogar der wahrscheinlichere Fall. Vielleicht erklärt das auch das plötzliche Verschwinden der bisher vermuteten Knochenmetastasen. Diese Aussage war sehr beunruhigend für mich, aber auch sehr informativ und leider auch logisch.

Anschließend war ich zur Besprechung beim Professor. Die Ärztin hatte mich schon gewarnt, dass er manchmal mehr an den Brüsten hing, als die Patientinnen selbst. Männer! So war es dann auch. Er meinte gleich, da wäre ich ja bei der Mammografie an seine hundertfünfzigprozentige Kollegin geraten. Er fand, dass die OP mit Augenmaß durchgeführt werden müsse. Er würde nicht so radikal vorgehen wollen und eventuell nicht alle Lymphknoten entfernen, damit ich keine Schwierigkeiten mit meinem Arm bekomme. Er würde sich das während der OP ansehen und dann entscheiden. Bezüglich der rechten Brust, wollten wir erstmal das Ergebnis abwarten. Sollte dort Krebs nachgewiesen werden, würde er ein entsprechendes Stück aus der Brust entfernen. Nach dem Gespräch war ich mir nicht sicher, ob der Professor wirklich den radikalen Schnitt machen würde, den ich wollte. Die ganze OP würde schließlich nur dann etwas nützen, wenn alles entfernt werden würde. Ich hoffte das Beste und vertraute auf seine Erfahrung.

Am Montagmorgen rief mich die Ärztin an und teilte mir mit, dass in der rechten Brust tatsächlich Brustkrebs nachgewiesen worden ist. Das untermauerte ihre These mit der Antikörpervorbehandlung nun sehr konkret, denn dieser Bereich war im PET-CT nicht auffällig. Zunächst war ich geschockt, wie konnte das nur sein? Später las ich im Internet, dass Brustkrebs in der anderen Brust wohl gar nicht mal so selten ist, wenn der erste Brusttumor sehr groß ist. Das ist bei mir leider der Fall. Nun wollte ich erst recht die radikale OP, unbedingt die Lymphknoten, am Besten sollte gleich alles weg. Ich rief im Krankenhaus an und hörte, dass der Professor im Urlaub ist und erst am Tag meiner OP nach Ostern zurückkehren würde. Na toll! Dann bat ich um Rückruf seines Kollegen. Er rief zwei Tage später an und ich schilderte ihm kurz die Lage. Er wirkte etwas genervt und gestresst, aber wir einigten uns darauf, dass auf meinen expliziten Wunsch hin beide Brüste entfernt werden sollen und auch die Lymphknoten der linken Brust. Der rechte Wächterlymphknoten soll während der OP untersucht und gegebenenfalls ebenfalls entfernt werden. Das ganze hatte der Kollege so dokumentiert und ich soll es am Tag der OP noch unterschreiben. Mit dieser Lösung bin ich komplett zufrieden und hoffe nur, dass mir der Professor am morgigen OP-Tag nicht quer an den Hals springt.

Ich muss morgen um 7 Uhr im Krankenhaus sein und werde voraussichtlich vormittags operiert. Sobald ich wieder einigermaßen fit bin – und ich hoffe sehr, dass es diesmal nicht so lange dauern wird – schreibe ich Euch, wie es mir ergangen ist. Bis dahin wünsche ich allen einen schönen restlichen Ostermontag. Bleibt gesund!

P.S. Am 20. März ist eine langjährige Leidensgenossin an den Folgen ihres Krebsleidens verstorben. Das hat mich stark erschüttert und ich bin sehr traurig.

Nachruf

Liebe Doreen, wir kannten uns über eine gemeinsame Freundin, über unsere Söhne, die zusammen in einer Fußballmannschaft gespielt haben und nun zusammen im Konfirmationsunterricht sitzen. Wir kannten uns aber auch durch unsere gemeinsame Krankheit, den Darmkrebs. Du hattest von Anfang an Lungenmetastasen, die keine gute Prognose hatten. Dennoch hast Du tapfer gekämpft und ich habe unsere Gespräche während der gemeinsamen Chemotherapien sehr genossen. Ich habe Dir so sehr gewünscht, dass die Medizin Dir helfen kann und Du noch viele Jahre im Kreise Deiner Lieben verleben kannst. Daraus wurden leider nur fünf Jahre, doch ich glaube, Du hast diese Jahre bewusst gelebt und genossen und das ist ein großer Trost. „Man sieht die Sonne langsam untergehen, aber erschrickt doch, wenn es plötzlich dunkel ist.“ Dieser Spruch auf Deiner Todesanzeige hat mich tief berührt. Ich wünsche Dir, dass Du jetzt an einem wundervollen Ort bist und ich kämpfe hier unseren Kampf weiter – mit Dir als Verbündete in meinem Herzen.

Veröffentlicht von bluemchenfee

Im Oktober 2011 erhielt ich die Diagnose metastasierter Darmkrebs. Zu diesem Zeitpunkt war ich 38 Jahre alt und hatte zwei kleine Kinder im Alter von 3 und 6 Jahren. 2016 kam die Diagnose metastasierter Brustkrebs hinzu. Ich lebe in einer Kleinstadt im Hamburger Umland, bin mittlerweile geschieden, aber glücklich neu vergeben und alleinerziehende Mutter von zwei Pubertieren. Mein Alltagschaos zwischen Patchwork und Krebserkrankung wurde vor knapp zwei Jahren durch einen Hundewelpen abgerundet. Meine vielfältigen Erfahrungen mit der Erkrankung, der Heilung und den Herausforderungen, aber auch den Schönheiten des Alltags möchte ich in diesem Blog mit Euch teilen und damit hoffentlich anderen Betroffenen und Interessierten Mut machen. Meine kreativen Produkte, die ich hier auch immer mal wieder erwähne, findet Ihr übrigens unter bluemchenfeedesign.etsy.com

6 Kommentare zu „Brust-OP in Zeiten von Corona

  1. Liebe Anne, es ist immer wieder aufs Neue unglaublich, wie tapfer Du bist. Ich wünsche Dir für morgen ganz ganz viel Kraft und hoffe, dass Du ganz schnell nach Hause darfst. Und ab morgen gucken wir wieder nach Mehl und Hefe😉😘

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  2. Liebe Anne-Katrin, heute habe ich sehr an Dich gedacht – war es doch der traditionelle Ostermontag bei Deinen Eltern mit der ganzen Familie.
    Für Deine morgige OP. sende ich Dir meine positivsten Kräfte. Bleib weiter voller Zuversicht.
    Sei von Herzen umarmt von Deiner Hedy

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  3. Liebe Anne,
    Helden haben viele Gesichter! Manche opfern sich auf, riskieren ihr Leben für das Wohl anderer, manche stellen sich alleine gegen den Wind….. und da gibt es dich: Du stellst dich dem Krebs, bezwingst und bekämpfst ihn und hast in den vergangenen Jahren, unzählige Strapazen auf dich genommen. Du erziehst deine Kinder liebevoll, umsichtig und immer mit einem wachenden Auge darauf, dass sie sich nicht zu viele Sorgen machen. Das ist nicht nur sehr großherzig, sondern auch sehr selbstlos.
    Bei all der Tortur (oder vielleicht gerade deswegen), bist du so voller Lebenslust und positiver Energie und Struktur! So mancher könnte sich eine Scheibe davon abschneiden!
    Liebe Anne, DU bist meine persönliche Heldin!
    Auch den heutigen Schritt wirst du meistern und ich freue mich, dich bald wieder lachen zu sehen / und zu hören!
    Ich denke an dich!!! :-*
    Glg, Claudia

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  4. Liebe Anne, ich war eben ganz geschockt weil das jetzt so plötzlich und unerwartet kam. Ich finde es auch immer wieder unglaublich wie Du das alles angehst und immer diese unglaubliche Lebensfreude und irre viel Kraft besitzt. Ich hoffe, von dieser OP erholt Du Dich schneller und besser als bei der davor und dass das jetzt endlich der entscheidende letzte Schritt zur Heilung war🙏🍀alles erdenklich Gute, Deine Anja

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  5. Liebe Anne, ich wünsche Dir, dass die OP gut verläuft und Du Dich schnell wieder erholen kannst und dann hoffentlich die Heilung einsetzen kann. Fühl Dich ganz fest gedrückt – ich bin in Gedanken bei Dir alles Liebe Andrea

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