Warum einfach, wenn es auch anders geht

Meine Werte waren stabil, daher wurde ich am nächsten Tag wieder auf die normale Station zurückverlegt. Wenn ich mich in der Woche davor gefühlt hatte, als hätte ich Bleiketten an den Beinen, so fühlte ich mich jetzt, als würde mir permanent jemand mit der Bratpfanne eins über ziehen. Am Montag bekam ich dann doch noch eine Fremdblutinfusion. Danach ging es mir etwas besser. Zittern, Schwindel und große Erschöpfung waren aber noch da und natürlich die Schmerzen. Zusätzlich zum Wundschmerz und dem schmerzenden linken Oberarm, fühlte sich mein Brustkorb bei jeder Bewegung und Berührung so an, als hätte man mir dort zuvor mit grobem Schleifpapier die Haut abgeschmirgelt. Ich erfuhr von der Stationsärztin, dass ich damit gar nicht so falsch lag. Der Chirurg hatte während der OP allein zwei Stunden darauf verwendet, akribisch die Verwachsungen am Rippenfell zu lösen, die nach der ersten Lungen OP entstanden waren. Das erklärte dann also den Schmirgelschmerz.

Die Physiotherapie kam wieder zu mir und am Dienstag durfte ich dann einen Mobilitätstest machen. Dieser bestand darin, zehn Minuten den Gang der Station rauf und runter zu gehen und dabei in einem akzeptablen Pulsbereich zu bleiben. Ich schaffte das und durfte mich fortan im Krankenhaus frei bewegen. Ich genoss den Luxus in die Cafeteria zu gehen und mich mit ungesunden Dingen, wie Cola, Kuchen und Schokolade zu versorgen. Mit meinem Besuch konnte ich nun auch in die Cafeteria gehen und trank jedes Mal einen riesigen Eiskaffee. Ich hatte schon bei meinen letzten OPs die Erfahrung gemacht, dass Krankenhäuser das Bedürfnis nach ungesundem Essen und Fastfood beträchtlich steigern. Das geht nicht nur mir so, meine sehr sympathische Zimmernachbarin hatte ähnliche Träume. Wir schwärmten gemeinsam von Pizza und überlegten, wie wir da wohl rankommen könnten. Die Lösung kam in Form meiner Freundin, die mich am Abend besuchen wollte. Sie fragte, was sie mir mitbringen könne und ich bestellte bei ihr eine Pizza. Meine Zimmernachbarin und ich teilten uns diese zusammen mit einer Flasche Cola. Himmlisch! Das Abendbrot rührten wir nicht an. Ich rührte überhaupt kaum noch Essen an. Obwohl das Essen in der Lungenklinik vergleichsweise wirklich gut war, kam es mir am Ende der zwei Wochen zu den Ohren raus.

14 Tage nach meiner OP durfte ich dann endlich nach Hause gehen. Die Ärzte mahnten mich mehrmals auf meinen Puls zu achten, der durch die OP in den ersten Monaten erhöht sein würde. Das Herz muss sich erstmal an die neue Situation gewöhnen, zunächst versucht es nämlich den Verlust des Lungenflügels durch schnelleres Schlagen auszugleichen. Quantität statt Qualität. Ich sollte also immer eine Pulsuhr tragen, um meinen Puls zu beobachten. Einen Wert von 140 durfte ich nicht überschreiten. Mein Ruhepuls lag etwa zwischen 95 und 105. Da war also nicht mehr viel Spielraum.

Das Thema Reha wurde kurz angesprochen, war dann aber schnell vom Tisch. Als Krebspatientin hätte ich in unserem superintelligenten Gesundheitssystem nämlich nur einen Anspruch auf eine onkologische Reha und nicht auf eine Lungenheil-Reha gehabt. Eine onkologische Reha hatte ich schon mal und weiß daher, dass sie mich in Bezug auf meine Lunge keinen Schritt nach vorne gebracht hätte. Die Ärzte sagten das zwar nicht so laut, aber ich glaube sie sahen das stillschweigend ganz genauso. Wir einigten uns darauf, dass die onkologische Reha nach Abschluss der noch geplanten Brust-OP stattfinden könnte.

Dann sprachen die Stationsärzte mit mir über den verbliebenen Tumor in der Brust. Die Entfernung des Lungenflügels war ein radikaler und sehr individueller Eingriff, mit dem Zweck, den Körper von Krebs zu befreien. Zumindest von ordentlich niedergelassenem Krebs. Gegen die Schläferzellen als potentielle Hausbesetzer ist selbst der beste Chirurg machtlos. Konsequenterweise muss also im nächsten Schritt der Brustkrebs entfernt werden, der bisher vier Jahre vor sich hin existieren durfte. Ich dachte vor der Lungen-OP daran, diesen Schritt im zweiten Halbjahr anzugehen, wenn ich nach der Lungenflügelentfernung wieder komplett fit bin. Die Ärzte in der Klinik sahen für diesen langen Zeitraum keine Notwendigkeit. Die Brust OP konnte ihrer Meinung nach bereits in einem Monat stattfinden. Wozu so lange warten? Das überzeugte mich. Je schneller daran, desto eher davon fand ich immer schon einleuchtend. Die Ärzte stellten also einen Kontakt mit einem auf diesem Gebiet spezialisierten und sehr renommierten Krankenhaus her und vereinbarten einen Termin für mich zum Vorgespräch in drei Wochen.

Am Entlassungstag holte mich mein Vater ab und wir fuhren auf direktem Weg zu McDonalds. Mein McDonalds unerfahrener Vater bestellte für sich einen Klassik-Burger und wunderte sich, dass er einen Hähnchen Burger in seiner Box vorfand. Der hieß nun mal Classic Chicken… wenn er einen Hamburger gewollt hätte, dann hätte er vermutlich einen Hamburger bestellen müssen. Auf jeden Fall tat McDonalds gut, der Chicken Burger stellte sich als gar nicht mal so schlecht heraus und mein Fastfoodbedürfnis war fürs erste gedeckt.

Am Wochenende kümmerte sich mein Freund um mich und ich war wirklich sehr schwach. Erst zu Hause fiel mir auf, was ich alles nicht konnte und wie anstrengend die kleinsten Tätigkeiten für mich waren. Im Grunde brach ich völlig zusammen. Meine Hände zitterten nach wie vor, die kleinsten Erledigungen brachten mich aus der Fassung. Bei der Vorstellung aus einem Ordner etwas heraussuchen zu müssen, was ich für das Gespräch mit meinem Hausarzt brauchte, bekam ich Panik. Am liebsten wollte ich mit niemandem reden, niemanden sehen und nichts machen. Das ging natürlich nicht, denn meine Kinder waren auch wieder da, wofür ich allerdings sehr dankbar war, denn sie hinderten mich daran vollends in Selbstmitleid und Depression zu versinken. So schleppte ich mich von Tag zu Tag und hatte nicht das Gefühl, dass es besser wurde – im Gegenteil, mein Zustand verschlechterte sich. Ich weinte oft, lachte nicht mehr und hatte fast jedes Empfinden von Freude verloren. Mir war ständig übel und ich hing des Öfteren würgend über einem Waschbecken. So konnte es nicht weitergehen. Ich hatte das Herzmedikament in Verdacht, welches ich nach der OP eigentlich für ca. drei Monate zu Stabilisierung des Herzens nehmen sollte. Man darf allerdings nur einen bestimmten Pegel des Herzmedikaments im Blut haben, ansonsten kommt es zu Vergiftungserscheinungen. Das Blutergebnis bei meinem Hausarzt bestätigte meinen Verdacht. Ich ließ das Herzmittel also erstmal weg, der Pegel baut sich aber leider nur sehr langsam wieder ab. Außerdem waren meine Leberwerte exorbitant erhöht – fast um das 20fache. Das machte mir eine Höllenangst. Ein akutes Leberversagen hätte ich jetzt nicht gebrauchen können. Ich bekam kurzfristig einen Termin bei meinem Internisten. Der schaute sich auf dem Ultraschall das Herz und auch die Leber an. Alles schien soweit in Ordnung, die Leber sah allerdings leicht gestaut aus. Er riet mir das Herzmedikament überhaupt nicht mehr zu nehmen und verordnete mir stattdessen entwässernde Tabletten für die Leber. Das ging einen Tag lang gut, bis dann diese Entwässerungstabletten enorme Nebenwirkungen entfalteten und mich übers Wochenende aus den Socken warfen. Am Montag, den 9. März hatte ich einen Termin bei meiner Onkologin. Sie sagte mir, die Leberwerte seien sehr wahrscheinlich noch in Folge der Narkose so stark erhöht, das sei nicht schlimm und ich solle getrost erstmal alle Medikamente weglassen. Die Schmerzmittel hatte ich schon vor fast einer Woche komplett abgesetzt, weil ich hoffte, dass es meiner Leber und mir dadurch insgesamt besser gehen würde. Lieber ertrug ich die Schmerzen, als die Übelkeit. Ganz ohne Medikamente erholte ich mich endlich, zwar extrem langsam, aber sicher.

Während dieses Schlamassels hatte übrigens meine Tochter Geburtstag, sie wurde 12. Die Feier musste stattfinden, darauf bestand sie und daher hatte ich alles bereits vor meiner Lungen-OP bis ins Detail geplant. Ich hatte alles eingekauft, was nötig war und alles vorbereitet. Inklusive ToDo-Liste und Anleitung, falls ich doch noch nicht zu Hause gewesen wäre. Das Motto war „Casino“. Meine Tochter hatte 13 Mädchen eingeladen… Diesen Horror habe ich nur durch die Hilfe von vielen lieben Menschen bewältigt. Eine Freundin half mir bei der Deko, mein Freund, sein jüngster Sohn und mein Sohn betreuten die Glücksspiele und mein Bruder mixte die Drinks. Natürlich alkoholfrei und Roulette, Blackjack, SevenEleven und Bingo wurde mit beeindruckenden Spielgeldjetons aus einem Pokerkoffer gespielt. Auf jeden Fall – und das ist ja immer das Wichtigste an einem Kindergeburtstag – hatten alle einen Mordsspaß. Die Mädels kamen verkleidet, teilweise richtig originell. Nachdem ich mich anfangs in mein Schlafzimmer zurückgezogen hatte, kam ich zum Fotografieren dazu und hatte ebenfalls Spaß, denn der steckte an. Ich habe an diesem Nachmittag zum ersten Mal wieder richtige Lebensfreude gefühlt. Doch ich war auch sehr erleichtert als die letzten Casinobesucherinnen von ihren Eltern abgeholt wurden. Das Haus sah aus, als hätte darin eine Vandalenhorde einen Sambakurs absolviert und gleichzeitig versucht mit Papptellern, Deko und Servietten zu jonglieren. Ich hatte von meinem Freund die strenge Anweisung bekommen, nichts aufzuräumen. Er musste leider schon vor Ende der Party gehen, da er meinen Hund nicht so lange allein lassen konnte, der seit der OP bei ihm wohnte. Mein Bruder hatte auch einen wichtigen abendlichen Termin und stand für das Chaos daher auch nicht zur Verfügung. Ich animierte die Kinder wenigstens die Pappteller, Servietten und Essensreste einzusammeln und die größeren Teile der auf dem Boden verstreuten Deko. Mein Haus in diesem Zustand zu belassen und seelenruhig schlafen zu gehen, war eine völlig neue Erfahrung. Am nächsten Morgen kam mein Freund und versetzte das Haus wieder in den Originalzustand.

Ich unternahm nun jeden Tag einen Spaziergang, damit ich fit für den Hund werden würde und natürlich für mich. Dann war endlich der Tag da, an dem er zu mir zurück kommen konnte. Er freute sich riesig über mich, bis ihm klar wurde, dass er jetzt hierbleiben musste und es daher keine leckeren Würstchen aus dem Kühlschrank mehr geben würde. Tapfer fügte er sich in sein Schicksaal. Einige Tage rannte er zwar noch erwartungsvoll zum Kühlschrank, sobald ich ihn öffnete, aber dann gab er auf. Hunde leben sowas von im Hier und Jetzt. Und ich bin gemein, aber er wird sonst dick.

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, die Planung der Brust-OP ging in die erste Runde. Davon erzähle ich in meinem nächsten Beitrag.

Veröffentlicht von bluemchenfee

Im Oktober 2011 erhielt ich die Diagnose metastasierter Darmkrebs. Zu diesem Zeitpunkt war ich 38 Jahre alt und hatte zwei kleine Kinder im Alter von 3 und 6 Jahren. 2016 kam die Diagnose metastasierter Brustkrebs hinzu. Ich lebe in einer Kleinstadt im Hamburger Umland, bin mittlerweile geschieden, aber glücklich neu vergeben und alleinerziehende Mutter von zwei Pubertieren. Mein Alltagschaos zwischen Patchwork und Krebserkrankung wurde vor knapp zwei Jahren durch einen Hundewelpen abgerundet. Meine vielfältigen Erfahrungen mit der Erkrankung, der Heilung und den Herausforderungen, aber auch den Schönheiten des Alltags möchte ich in diesem Blog mit Euch teilen und damit hoffentlich anderen Betroffenen und Interessierten Mut machen. Meine kreativen Produkte, die ich hier auch immer mal wieder erwähne, findet Ihr übrigens unter bluemchenfeedesign.etsy.com

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