Nichts für schwache Nerven

Hallo Ihr Lieben! Es ist der letzte Tag im August und hier im Norden versucht die Sonne heute nochmal Ihr Bestes. Das Wetter war echt nicht gerade prickelnd in den letzten Wochen. Irgendwie ist mir nach Herbst…

Vielleicht bin ich ein bisschen melancholisch, weil mein Sohn nun für ein Jahr in den USA ist und vielleicht will ich auch, dass die Zeit ein wenig schneller läuft – quasi einmal auf Vorspulen bis zum Juni, denn dann ist er wieder da.

Das Paradoxe dabei: Vor drei Wochen habe ich mich noch danach gesehnt, dass er endlich „drüben“ ist. Ich war so im Stress und am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Ich erzähle es Euch der Reihe nach. Alles fing mit unserem Berlin-Abenteuer an.

Anfang August hatte mein Sohn seinen Termin fürs Visumgespräch in der Berliner Botschaft. In Hamburg findet sowas nicht mehr statt, dafür muss man sich schon in die Hauptstadt bemühen. Ich denke, im Mittelalter wäre man nicht viel schlechter dran gewesen, wenn man ein Visum für die USA hätte haben wollen. Allerdings hätten die Leute ein wenig verblüfft geguckt und wahrscheinlich wäre man am Ende als Ketzer verbrannt worden – aber lassen wir das. Zurück ins Jahr 2021. Der Termin war coronabedingt genauso ein Lottogewinn, wie mein Impftermin im Frühjahr. Man musste sich ständig auf der Seite der Botschaft einloggen, um zu sehen, ob es irgendwelche Termine gab. Wenn ja, dann galt es zuzupacken. Diskussionen um passende Tage oder Uhrzeiten – undenkbar! In unserem Fall also ein Termin am Freitag, den 6. August um 8.15 Uhr. Ist jetzt nicht so günstig, wenn man nicht gerade im Berliner Umland lebt oder ein passionierter Nacht-Autofahrer ist. Also Vorabendanreise. Ich habe uns ein preiswertes Hotel in der Nähe der Botschaft gebucht und war erstaunt, dass es im Berliner Zentrum Hotels gibt, die nur 60 Euro die Nacht kosten. Das Hotelzimmer hatte dann zwar auch den Charm einer Jugendherberge, aber es war sehr sauber und alles war vorhanden – was will man mehr. Wir wollten da immerhin nur schlafen. Naja, Steckdosen waren ein wenig Mangelware. Es gab genau eine und noch eine, wenn man den Fernseher aus stöpselte. Es hieß also: Entweder fernsehen oder Handy laden. Wir entschieden uns für Letzteres.

Aber nun bin ich schon wieder vorgeprescht – auf dem Weg nach Berlin hatten wir nämlich noch ein schönes Erlebnis mit der deutschen Bahn. Ich hatte mich übrigens gegen die Autofahrt und für die deutlich schnellere Zugverbindung entschieden. Das sollte auch alles ganz einfach sein. Wir setzten uns in Ahrensburg in die Regionalbahn nach Hamburg, wo der Zug nach Berlin genau aus dem gegenüberliegenden Gleis abfahren sollte – dachten wir zumindest und so stand es auch dran. Allerdings stand dort bereits ein Zug, der nicht nach Berlin fuhr sondern nach Hamburg-Altona. Wir hatten zehn Minuten Zeit zum Umsteigen, eigentlich ausreichend für das gegenüberliegende Gleis. Nachdem wir etwas ratlos vor dem Gleis herumgestanden hatten und ich mir noch dachte, dass der Zug wahrscheinlich Verspätung hat, hörte ich einen Schaffner zu einer Dame sagen, dass der ICE nach Berlin heute aus Gleis 5 fährt. Das war mehrere Gleise entfernt. Ich blickte auf die Anzeigetafel – da stand unverändert, das hier planmäßig der ICE nach Berlin erwartet wird. Wir hatten noch fünf Minuten. Ich fragte also sicherheitshalber auch den Schaffner. Ja, der Zug nach Berlin würde heute von einem anderen Gleis fahren. Vier Minuten. Als mein Sohn und ich völlig hektisch die Treppe hochrannten, um das Gleis zu wechseln, kam erstmalig die Lautsprecheransage, dass der Zug nach Berlin heute aus Gleis 5 fährt. Oh gut, dachte ich, nun wissen die gehbehinderten Passagiere wenigstens Bescheid, dass sie diesen Zug nicht mehr bekommen würden. Drei Minuten. Wir hasteten auf das richtige Gleis und ich sah, dass der ICE aus zwei Teilen bestand, deren Loks aneinander gekoppelt waren. Er sollte offenbar irgendwo getrennt werden. Zwei Minuten. Links oder rechts war jetzt die Frage – welches war der Zugteil, in dem wir unsere Plätze reserviert hatten? Eine Minute. Wir entschieden uns für links und kletterten in den Zug gerade als die Schaffnerin die Kelle hob. „Wo ist Wagen Nr. 2?“ wollte ich von ihr atemlos wissen. „Das ist der andere Zug. Suchen Sie sich einfach hier einen Platz. Bis Berlin halten wir nicht mehr.“ Im Mittelalter wurden Überbringer schlechter Nachrichten geköpft. Zum Glück für diese Dame ist das heute gesetzlich verboten. Thank you for travelling with Deutsche Bahn. (Wenn Ihr den Song von den Wise Guys noch nicht kennt, hört ihn Euch unbedingt an!)

Am Abend schlenderten mein Sohn und ich durchs Berliner Zentrum. Wir wollten etwas essen gehen und uns anschauen, wie viele Eingänge die Amerikanische Botschaft hat und wo er wohl am Morgen hin müsse. Außerdem wollten wir sehen, wo ich in der Zeit auf ihn warten könnte, weil er nur allein hineingehen durfte. Nachdem wir am Holocaustdenkmal vorbei, durchs Brandenburger Tor und bis zum Adlon spaziert sind, wussten wir, dass die Botschaft genau zwei Eingänge hat. Es wird wohl der Haupteingang sein, dachten wir. Später am Abend im Hotelzimmer sagte mein Sohn während er auf seinem Handy rumscrollte plötzlich: „Mama, es gibt noch eine US-Botschaft in Berlin“. Das war der Moment, wo ganz leise die Alarmglocken schrillten… Er zeigte mir Google Maps und dort war tatsächlich eine weitere Botschaft verzeichnet und zwar ganz woanders – nämlich in Berlin-Grunewald. Hektisch kramte ich in den Unterlagen und las ihm die Adresse vor, die auf der Terminbestätigung stand: Clayallee 170. Das sagte mir noch nichts – denn weiß ich, wie die Straßen rund ums Brandenburger Tor heißen? Wo DIE US-Botschaft ist, weiß doch eigentlich jeder, der mal in Berlin war oder? Allerdings führte uns google maps schnell zu der ernüchternden Erkenntnis, dass der Termin in der „anderen“ Botschaft sein würde. Nun schrillten die Alarmglocken richtig laut, denn diese lag mit öffentlichen Verkehrsmitteln knapp eine Stunde entfernt. Am nächsten Morgen sind wir dann sehr früh aufgestanden…

Ich war immer noch völlig aus dem Häuschen von dem Beinahe-Unglück. Wenn wir diesen Termin verpasst hätten, wäre das eine Katastrophe gewesen. Die Highschool startete am 18. August. Der Flug ging am 14. August von Frankfurt und Zugticket sowie Hotel für die Vorabendanreise waren bereits gebucht, weil es keinen freien Zubringerflug von Hamburg mehr gab. Es war alles knapp, knapp, knapp. Ich hatte große Angst, es könnte jetzt noch bei dem Visumgespräch etwas schief laufen und wir müssten wiederkommen oder so was. Das würden wir dann aber zeitlich nicht mehr schaffen. Die Botschaft gibt den Pass mit Visum nämlich nicht gleich mit, sondern sendet ihn einige Tage später per UPS Express zurück. Warum das so ist, weiß der Geier. Wahrscheinlich müssen vorher noch mindestens zehn weitere Leute den Einreiseantrag prüfen und ein Mentalist schaut sich das Passfoto ganz genau an. Vielleicht kann man an dem leicht gesenkten Augenlid doch noch eine kriminelle Motivation erkennen? Wer schon mal in den USA war, weiß, welch seltsame Fragen bei Einreise gestellt werden. Das beste Beispiel ist der Antrag für das Visum. Ich hatte die Freude, dieses gleich zweimal ausfüllen zu dürfen. Einmal Anfang letzten Jahres, als wir noch planten den Sohnemann im Schuljahr 2020 rüberzuschicken. Dann nochmal eine Woche vor dem Visumgespräch, weil die Botschaft nun der Meinung war, dass der Antrag aus dem letzten Jahr veraltet sei. Mein Sohn weilte zu diesem Zeitpunkt für einige Tage mit Freunden auf Fehmarn und hat das Thema elegant per WhatsApp an mich delegiert mit den Worten: „Mama, guck mal in meinen Posteingang. Die Botschaft hat geschrieben“. Tja und da das Formular schnellstens ausgefüllt werden musste, um den Termin in der nächsten Woche nicht zu gefährden, musste Mama wohl ran. Ich habe insgesamt geschlagene vier Stunden mit dem Ausfüllen dieses Formulars verbracht! Dabei bin ich achtmal aus dem System geflogen und musste zweimal wieder ganz von Vorne anfangen. Der gesamte Antrag umfasst ungefähr 12 Seiten – natürlich komplett auf englisch. Es muss alles eingetragen werden, von den Ländern, die man jemals in seinem Leben besucht hat, über Fremdsprachen, die man spricht, bis hin zu Namen und Adressen von jedem, der irgendwie an diesem Austauschjahr beteiligt ist. Die genauen Flugdaten mit Flugnummer nicht zu vergessen und die Personalien zweier Zeugen für die wahrheitsgemäßen Angaben, die nicht aus der Familie stammen dürfen. Das alles bedurfte einiger Recherche, weil ich die ganzen Daten natürlich nicht im Kopf hatte. Das Problem ist nur, dass das System einen nach 20 Minuten rauswirft – egal ob man was darin macht oder nicht. Ich frage mich ernsthaft, wer es schafft, diesen Antrag in 20 Minuten auszufüllen. Das wäre vielleicht mal eine Idee für eine neue olympische Disziplin. Am Besten finde ich allerdings die vier Seiten, die die kriminalistische Vergangenheit und den Hintergrund des Visumantragstellers abklopfen. Die haben großen Unterhaltungswert, denn wer – bei halbwegs klarem Verstand und ohne Sehnsucht auf Knast – würde jemals eine dieser Fragen mit „Ja“ beantworten? Hier einige der Fragen und die Antworten, die mir dazu so durch den Sinn geschossen sind: Haben Sie vor, in den USA einen Terroranschlag zu verüben? „Braucht man jetzt ein Visum für einen Terroranschlag?“ Haben Sie oder ein Familienmitglied jemals einen politisch motivierten Mord begangen? „Bisher nicht, aber vielleicht überlege ich mir das bald nochmal.“ Wollen Sie in den USA Geldwäsche betreiben? „Das machen wir lieber in Deutschland, die Waschmaschinen in den USA sind grottenschlecht!“ Haben Sie in den USA gesetzeswidrig gewählt? „Jetzt macht uns nicht für Trump verantwortlich, das wart ihr selber!“ Oder meine Lieblingsfrage: Waren Sie oder ein Familienangehöriger jemals in einen Völkermord verwickelt? „Tja, wenn sich das auf Ameisen bezieht… ich kille die Biester gelegentlich in ihren Nestern. Allerdings nur die, die dem Gartentisch zu nahe kommen oder drohen, das Haus zu zerlegen.“ Doch vielleicht sollte mein Sohn dem Officer von der Botschaft das lieber verschweigen.

Am Ende lief alles ganz entspannt – wie am Fließband, berichtete mein Sohn. Es gab wohl mehrere Officers, die für jeweils ein Dokument verantwortlich waren. Mein Sohn kam bereits nach 20 Minuten zurück. Ich hatte in der Zwischenzeit die Zugverbindungen gegoogelt und festgestellt, dass wir einen Zug früher nehmen könnten, wenn wir direkt losfahren. Gesagt getan. Wir mussten den Bus nehmen bis zum Bahnhof Zoologischer Garten und dort umsteigen nach Spandau. Da würde dann der ICE nach Hamburg halten. Wir stiegen in einen lustigen Doppeldeckerbus. Ich wusste, dass wir ungefähr 30 Minuten mit dem Bus bis zum Bahnhof Zoo benötigten, also betrachtete ich entspannt die Gegend. Eine wirklich schöne Gegend, viele Villen, sehr grün und es wurde immer grüner. Nach einer knappen halben Stunde sagte eine Stimmer vom Band „Ab der nächsten Station benötigen Sie eine Fahrkarte für die Zone C“. Da rührte sich in mir der leise Verdacht, dass etwas nicht stimmen könnte. Auch wenn ich mich in Berlin wirklich nicht auskenne, so weiß ich doch, dass der Bahnhof Zoo eher in der Innenstadt liegt. Ich fragte also den Busfahrer und er erklärte mir, dass dies die falsche Richtung sei. Mein Sohn und ich stiegen also aus, überquerten die Straße und nahmen zehn Minuten später den anderen Bus zurück. Zurück zur Clayallee an der US-Botschaft vorbei und diesmal bis zum Bahnhof Zoo. Nach dieser traumhaften Stadtrundfahrt durch den Südwesten Berlins, erreichten wir in Spandau genau den ICE, für den wir eigentlich reserviert hatten.

Der Berlin-Trip war nur der Auftakt einer atemberaubenden Woche. Sonntag nach Berlin erfuhr ich so ganz nebenbei von meinem Sohn, dass ein Exzem, mit welchem wir schon vor Wochen beim Hautarzt waren, wohl doch noch nicht so ganz weg ist und seine Cremes aufgebraucht sind. Hautarzt – Termin – kurzfristig… Tief durchatmen. Montag rief ich beim Hautarzt an und es war immerzu besetzt. Das kannte ich schon. Montags anrufen ist hoffnungslos. Also fuhren wir kurzentschlossen hin, der Hautarzt war immerhin ganz in Hamburg-Fuhlsbüttel, wir brauchten 45 Minuten. Ich ahnte bereits, dass man mich nicht sehr freundlich empfangen würde. So war es dann auch. Bekommt man eigentlich als Arzthelferin eine besondere Schulung in Punkto Gleichmut? Panische Mütter von Austauschülern, die in fünf Tagen das Land verlassen, sind offenbar nicht besonders beeindruckend. Immerhin konnten wir am Ende kurz mit der Ärztin auf dem Flur sprechen und sie hat uns die Cremes weiterverordnet. Das musste jetzt reichen. Zur Not gibt es in den USA auch Ärzte. Allerdings gäbe es dann möglicherweise ein Problem mit der Versicherung, denn Krankheiten, die bereits in Deutschland bestanden, sind in der Regel nicht versichert. Auf dem Rückweg kamen wir am Alstertal-Einkaufszentrum vorbei, einer großen Mall im Norden Hamburgs. Auf ging’s, die fehlenden Klamotten kaufen. Wir sprinteten hinein, kauften 12 Teile bei H&M sowie ein Paar Schuhe bei Deichmann. Als ich die Parkkarte entwerten wollte, stellte ich fest, dass wir nichts bezahlen mussten, weil wir unter einer halben Stunde geblieben waren. Ich war beeindruckt. Sowas klappt auch nur mit Jungs. Als meine Tochter am Nachmittag die Tüten sah, sagte sie beleidigt: „Ihr wart im AEZ! Wieso habt Ihr mich nicht mitgenommen?“ Ja – wieso wohl? „Du hättest keinen Spaß an dieser Shopping-Tour gehabt, glaub mir“ antwortete ich diplomatisch.

Am Dienstag erfuhr ich zufällig, dass mein Sohn einen Coronatest für den Flug und die Einreise benötigt, obwohl er doppelt geimpft ist. Bisher war ich gelassen davon ausgegangen, dass uns dieser Stress wegen der Impfung erspart bliebe. Welcher Test musste es sein – PCR oder Antigen? Gibt es einen Unterschied zwischen Antigen und Bürgertest? In der Apotheke machen die nämlich nur Bürgertests. Wie alt darf der Test bei Einreise sein? Ich war völlig überfordert. Zuvor hat sich niemand von uns offiziell testen lassen müssen. Die Kinder wurden in der Schule getestet und zu Hause haben wir gelegentlich Schnelltests durchgeführt. Ich bin schon seit Mai doppelt geimpft. Die „Testwelt“ war für mich ein Buch mit sieben Siegeln. Letztlich fand ich raus, dass ein 72 Stunden alter Antigentest reicht, dieser auch Bürgertest genannt wird und dass mein Sohn diesen in der Apotheke vor Ort durchführen lassen konnte – sogar mit Ergebnis auf englisch. Die Kuh war also vom Eis. Fehlte noch… der Reisepass. Ich wusste von einer Freundin, deren Sohn genau eine Woche vor uns das Visumgespräch hatte, dass dieser wahrscheinlich Mitte der Woche kommen würde. Ab Dienstag verhängte ich ständige Anwesenheitspflicht zumindest einer Person. Der Pass würde nämlich per UPS Express kommen, welche diesen nur persönlich zustellen würden. Also nix Briefkasten oder Ablage im Carport. Wenn ich mal weg musste, durfte mein Sohn seine Kopfhörer nicht aufsetzen und wurde verdonnert unten im Wohnzimmer Wache zu halten. Der Hund war schon etwas beleidigt, war das doch eigentlich sein Job. Aber er kann die Tür nicht öffnen und bei seiner Einstellung Fremden gegenüber könnte es auch passieren, dass der UPS-Bote samt Reisepass in den Paketwagen flüchtet und nie mehr gesehen würde. Dienstagnachmittag kam dann eine sms, dass der Reisepass am nächsten Tag zugestellt werden würde. Das war Mittwoch. Ich verbrachte den ganzen Tag am Schreibtisch. Stickmaschine und Nähmaschine wären zu laut gewesen. Da hätte ich eventuell die Klingel nicht gehört. Der Pass sollte bis 16.45 Uhr geliefert werden und – ihr habt es erraten, er wurde nicht geliefert. Völlig aufgebracht rief ich die Hotline von UPS an und man sagte mir, dass der Pass zu spät bei UPS abgegeben wurde und daher erst am nächsten Tag ausgeliefert werden könnte. Das war Donnerstag. Am Freitag sollte es losgehen. Donnerstag rief gegen Mittag noch einmal die Organisation an, um eine gute Reise zu wünschen und ggf. letzte Fragen zu klären. Ich berichtete vom fehlenden Pass. Die Mitarbeiterin war ganz entspannt. Sie meinte: „Er fliegt doch erst am Samstag. Da hätte das mit dem Pass zur Not ja auch noch bis Freitag Zeit.“ Na klar, dachte ich und sah mich schon Freitagnacht über die Autobahn nach Frankfurt rasen, weil unsere geplante Vorabendanreise mit dem Zug dann nicht mehr klappen würde. Zum Glück kam der Pass am Donnerstag um 14.45 Uhr. Kurz bevor die Gäste kamen – zur Abschiedsparty. Die war wirklich nett und ging vom Kaffeetrinken ins Abendessen mit Grillen über. Gegen 20.30 Uhr waren dann alle wieder weg und eine Stunde später hatte ich zusammen mit meinem Sohn die gröbsten Aufräumarbeiten erledigt. Der Koffer war noch nicht gepackt… aber immerhin lagen die Sachen, die er mitnehmen wollte, auf seinem Sofa bereit.

Freitagmorgen packten mein Sohn und ich den Koffer. Es ging alles rein, er war nur leider knapp 4 Kilo zu schwer. Also wieder aufmachen und gucken, was raus kann. Ein paar subversive Kosmetikartikel haben es daher nicht bis in die USA geschafft – obwohl sie schon frohlockt hatten, dass sie so ganz ohne Visum in die USA einreisen durften, um dort Terroranschläge in Form von Sonnencreme-Invasion und Duschgel-Spionage zu verüben. Außerdem musste die leckere Schokolade wieder aus dem Koffer, die ich als Teil der Gastgeschenke vorgesehen hatte. Die habe ich meinem Sohn dann als Handgepäck aufs Auge gedrückt. Ich war mir zwar nicht sicher, ob er eine Tüte Schokolade zusätzlich zu seinem Rucksack mit ins Flugzeug nehmen dürfte, aber zur Not musste er die Schoki halt vor den Augen der Sicherheitsbeamten an der Kontrolle auffuttern.

Nachdem ich am Dienstagmorgen von meinem Radiowecker mit der Nachricht geweckt wurde, dass die Bahn streiken wird, schwante mir für den Freitag Böses. Zum Glück endete der Streik Freitagnacht und die Züge sollte anschließend einigermaßen pünktlich fahren. Überraschenderweise lief auch alles glatt, wenn man ein wenig Verspätung in Hamburg mal großzügig ausblendet. Wir kamen entspannt in Frankfurt an und übernachteten in einem Hotel am Airport. Am nächsten Morgen waren wir bereits 2,5 Stunden vor Abflug vor Ort und das war auch gut so. Es war die Hölle los, denn es war ein Samstag und die Ferien endeten in vielen Ländern und Bundesländern und in den südlichen Bundesländern hatten sie gerade erst angefangen. Wir standen eine knappe Stunde in der Schlange zum Schalter der Lufthansa. Da es ein internationaler Flug war, befand sich die Sicherheitskontrolle hinter der Passkontrolle und dahin konnte ich nicht mehr mit. Wir wussten auch nicht, wie voll es dort sein würde. Aus diesem Grund fiel das Frühstück am Flughafen sehr knapp aus. Mein Sohn konnte sowieso kaum einen Bissen runterbringen. Daran merkte ich, dass seine sonst so coole Fassade anfing zu bröckeln. Ich verabschiedete ihn an der Reisepasskontrolle und sah zu, wie er dahinter noch einmal winkte und dann verschwand – für die nächsten zehn Monate.

Ich lief wie Falschgeld mit meinem kleinen Rollkoffer durch das Flughafengebäude. Zunächst hoffte ich noch auf eine Aussichtsplattform, wie es sie in Hamburg gibt, aber sowas existiert in Frankfurt nicht. Also setzte ich mich in die Abflughalle und starrte auf die Tafel mit den Flügen, die sich alle paar Minuten ratternd veränderte. Eine dreiviertel Stunde später teilte mir mein Sohn via WhatsApp mit, dass er nun im Flugzeug säße. Ich war erleichtert – alles war soweit gut gegangen. Es war ein Direktflug nach Dallas und dort wartete seine Gastfamilie. Es konnte also nicht mehr viel passieren. Ich wollte sitzen bleiben, bis der Flug meines Sohnes von der Tafel verschwunden war, doch leider verspätete sich der Abflug um 45 Minuten, mein Zug nach Hause aber nicht. Schweren Herzens machte ich mich auf den Weg zum Bahnhof und fuhr ziemlich benommen zurück. Auf dem Handy konnte ich den Abflug verfolgen und konnte danach auf einer Karte sehen, wo sich das Flugzeug jeweils befand. Wenn man lange darauf starrte, konnte man erkennen, wie das kleine Flugzeugsymbol winzige Fortschritte auf seinem Weg über den Atlantik machte. Ich war sehr traurig. Das besserte sich erst, als mein Sohn sich abends gegen 23 Uhr kurz per WhatsApp meldete und schrieb, dass er durch Immigrations durch sei, seinen Koffer hätte und seine Gastfamilie auf ihn warte. Sie hatten ihn ins Land gelassen. Der Koffer war da. Die Schoki hat überlebt. Es war alles gut. Ich konnte die Verantwortung ruhigen Gewissens an die Gastfamilie abgeben und ging schlafen.

Mittlerweile hat mein Sohn sich schon ein paar Mal gemeldet und es geht ihm sehr gut. Die Gastfamilie hat mir ein Bild seines ersten Schultages geschickt, auf dem er stolz eine Tafel hält. Das ist dort Tradition, sagen sie. Ich kenne sowas nur von der Einschulung. Auf der Tafel stand: 1st day of 11th grade, Age 16, I want to be a lawyer when I grow up. Was für eine schöne Idee! Ich bin auch nicht mehr traurig – außer eben, als ich das alles aufgeschrieben habe. Mein Leben hier zu Hause und nicht zuletzt meine Tochter halten mich so in Atem, dass ich auch einfach nicht dazu komme, lange über dieses und jenes nachzugrübeln. Wahrscheinlich ist der momentane Stress zu großen Teilen auch selbst verursacht, aber es ist gut so. Was mich zur Zeit so sehr umtreibt, hat viel mit meinem etsy-Shop Blümchenfeedesign zu tun, den Ihr unter bluemchenfeedesign.etsy.com findet. Ich habe eine tolle neue Idee, die mir eines Morgens so zugeflogen ist, als hätte mich eine Meise gerammt. Vielleicht hab ich auch eine… das könnt Ihr nach dem nächsten Blog beurteilen, denn da werde ich darüber berichten.

Den Luxus von selbstgemachtem positiven Stress kann ich mir momentan nur leisten, weil es mir zum Glück gesundheitlich wirklich gut geht. Im CT-Bericht von letzter Woche standen Worte wie „unverändert“ und „Konsolidierung“. In meinem Fall sind das ausgesprochen positive Nachrichten und es darf gerne so weiter gehen. Ich bekomme nun seit April keine Chemo mehr, sondern nur den Antikörper und es scheint zu funktionieren. Leber und Lunge erholen sich. Mein Internist hat vor einigen Tagen den vierteljährlichen Herz-Ultraschall gemacht, was aufgrund der herzmuskelschädigenden Nebenwirkung des Antikörpers Trastuzumab nötig ist. Er meinte: „Mit diesem Herzen werden Sie 100!“ 87 Jahre würden mir schon reichen. Das ist das Ziel, was ich mir gesetzt habe.

Ich wünsche Euch einen schönen Spätsommer, der uns hoffentlich noch ein paar Sonnenstrahlen bringt. Wir lesen uns dann Ende September wieder.

Veröffentlicht von bluemchenfee

Im Oktober 2011 erhielt ich die Diagnose metastasierter Darmkrebs. Zu diesem Zeitpunkt war ich 38 Jahre alt und hatte zwei kleine Kinder im Alter von 3 und 6 Jahren. 2016 kam die Diagnose metastasierter Brustkrebs hinzu. Ich lebe in einer Kleinstadt im Hamburger Umland, bin mittlerweile geschieden, aber glücklich neu vergeben und alleinerziehende Mutter von zwei Teenagern. Mein Alltagschaos zwischen Patchwork, Hundeerziehung und Krebserkrankung wird seit einem guten Jahr durch mein kleines Unternehmen Blümchenfeedesign abgerundet. Eigentlich aus der Not heraus entstanden, habe ich mir damit den Traum einer Selbständigkeit im kreativen Bereich erfüllt. Meine Produkte findet Ihr unter bluemchenfeedesign.etsy.com oder auf Instagram unter bluemchenfeedesign. In diesem Blog schreibe ich über meine vielfältigen Erfahrungen mit der Erkrankung, der Heilung und den Herausforderungen, aber auch über die lustigen und schönen Seiten des Alltags und die Chancen, die sich selbst in so einer Situation bieten. Damit möchte ich anderen Betroffenen, Angehörigen und Interessierten Mut machen. Es gibt immer einen Weg und am Ende wird alles gut!

Ein Kommentar zu “Nichts für schwache Nerven

  1. Das klingt alles nach unendlich viel Stress.
    Du Arme. Ich hoffe, unser Trip nach Göttingen wird entspannter, auch wenn uns der Streik der GDL leider am Sonntag trifft… Bahn macht immer wieder Spaß 😁

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: