Eine Zusammenfassung zum Jahresauftakt

Nun sind tatsächlich fast 5 Monate vergangen, in denen ich meinen blog schändlich vernachlässigt habe..

Was sind meine Ausreden? Mein Online-Shop „bluemchenfeedesign“ bei etsy.com, die Chemo-Therapie, eine schlechte Nachricht bezüglich meiner Krebserkrankung, eine Bestrahlung. Aber es gibt bekanntlich keine Ausreden – nur andere Prioritäten. Für das Jahr 2021 habe ich mir auf jeden Fall vorgenommen, wieder regelmäßiger zu schreiben – und ich werde mir die Freiräume dafür einräumen.

Nun aber der Reihe nach. Das große Aufreger-Thema meines letzten Beitrags war die Abmahnung wegen meines versehentlichen Verstoßes gegen das deutsche Wettbewerbsrecht durch vergleichende Werbung. Ihr erinnert Euch? Letzten Endes musste ich für diesen Fehler rd. 3.500 Euro Anwaltskosten zahlen. Teures Lehrgeld und damit mir das nie wieder passiert, ist mein etsy-shop nun rechtlich topfit und geprüft. Das hat sehr viel Arbeit und Internet-Recherche gekostet. Zunächst einmal habe ich mir eine Unternehmensberatung gesucht, die gegen einen monatlichen Beitrag meine Rechtstexte (AGB, Datenschutzerklärung, Impressum und Widerrufsbelehrung) rechtssicher verfasst und regelmäßig aktualisiert. Etsy bietet zwar ein Grundgerüst, aber da Etsy ein amerikanisches Unternehmen ist, erfüllt dieses Grundgerüst nicht die deutschen Rechtsauflagen. Die Unternehmensberatung hat in meinem etsy-shop außerdem eine Tiefenprüfung durchgeführt, in der auch alle meine Artikelbeschreibungen unter die Lupe genommen wurden. Ich musste noch zwei kleine Änderungen vornehmen und nun ist alles prima und ich weiß vor allem worauf ich in Zukunft achten muss. Dafür habe ich auch das Abzeichen „geprüfter Webshop“ erhalten, was ich nun voller Stolz in meinem Online-Shop abgedruckt habe.

Außerdem hatte ich noch das Problem mit den Suchmaschinen an der Backe. Aufgrund der unterschriebenen Unterlassungserklärung gegenüber der Kanzlei des Luxuslabels bin ich nämlich verpflichtet, alle Suchergebnisse, die meinen etsy-shop mit der Luxusmarke in Verbindung bringen, löschen zu lassen. Eine schier unlösbare Aufgabe, an der ich fast verzweifelt bin. Irgendwann habe ich herausgefunden, dass die meisten Suchmaschinen nur bei google abschreiben und ich meine Löschungen daher hauptsächlich bei google beantragen muss und noch bei bing (die aber deutlich weniger Ergebnisse hatten). Als ich bei google dann irgendwann endlich die richtige Seite gefunden hatte, auf der man eine Löschung beantragen kann, war der Rest Fleißarbeit. Ich habe regelmäßig die Ergebnisse durchforstet und mache das noch…. Immer wenn wieder etwas auftaucht – ob Bild oder Text – kopiere ich den URL-Link und beantrage die Löschung des Suchergebnisses sowie die Löschung des Caches (eine Art historischer Speicher, der immer mal wieder erstaunlich veraltete Informationen ausspuckt und in den Suchergebnissen anzeigt). In einem Verlauf auf der google-Löschungsseite kann ich nachweisen, dass ich die Löschungen beantragt habe – und darauf kommt es gegenüber den Gerichten bei einer etwaigen Schadenersatzklage auch nur an. Das hat mir meine Anwältin versichert. Die Löschung selbst kann ich nämlich gar nicht beeinflussen. Google hat meine Anträge zwar meistens gelöscht – aber eben nicht immer. Manchmal auch erst beim zweiten Antrag… die Logik dahinter erschließt sich mir nicht.

Zusätzlich gab es dann über zwei Monate lang technische Probleme bei der Implementierung meiner rechtssicheren AGB und der Widerrufsbelehrung auf meiner etsy-Seite. Das hat einfach technisch nicht geklappt. Nachdem ich mich mehrmals an den etsy-support gewendet hatte – auf englisch, denn der deutsche Sachbearbeiter war irgendwie nie da (würde mich langsam überraschen, wenn der überhaupt existiert)- bekam ich nach meiner dritten mail gar keine Antwort mehr. Die Unternehmensberatung, die mich betreut, machte den vorsichtigen Vorschlage doch einmal darüber nachzudenken, einen neuen etsy-shop zu eröffnen, bei dem dieses technische Problem dann nicht bestünde. Damit hätte ich aber von Null anfangen müssen und alle meine hart erarbeiteten 5-Sterne Bewertungen wären für die Katz, denn ich hätte nichts aus dem alten shop übertragen können. Doch ich wollte meinen shop auch nicht in der Rechtsunsicherheit belassen. Also eröffnete ich im November versuchsweise einen neuen etsy-shop und die Implementierung der AGB funktionierte dort tatsächlich einwandfrei. Bevor ich diesen shop nun aber verwenden wollte, habe ich einen letzten verzweifelten Versuch in meinem bisherigen shop gestartet – und siehe da: Es ging!! Ich war überglücklich. Etsy schrieb mir dann ca. eine Woche später, dass das im August gemeldete Problem behoben sei… echte Blitzmerker!

Um auch meine Produktbeschreibungen rechtssicher zu machen, habe ich mich außerdem mit dem Textilkennzeichnungsgesetz auseinandergesetzt – ein EU-Gesetz von epischem Ausmaß! Wir wissen ja, wenn die EU sich an einem Gesetz zu schaffen macht, dann macht sie es gründlich. Ich denke da nur an den Krümmungsgrad der Bananen… Daraufhin habe ich zunächst einmal in meinen Produktbeschreibungen die konkrete Textilzusammensetzung in den richtigen Reihenfolgen und mit den richtigen Wörtern aufgeführt. Damit sind die Artikelbeschreibungen rechtssicher. Allerdings muss ich mir noch etwas zur Kennzeichnung meiner Produkte überlegen. Laut Textilkennzeichnungsgesetz müssen nämlich alle Textilien – ob Oberhemd oder Putzlappen – mit einem Etikett gekennzeichnet sein. Darauf muss die Textilzusammensetzung stehen (in richtiger Reihenfolge und Termina) sowie die vollständige Adresse des Herstellers samt Herstellungsland für etwaige Reklamationen und zwar in einer Schriftgröße, die groß genug ist, um sie ohne Lupe zu erkennen. Ein Firmenname oder eine Internet-Adresse reicht dabei nicht aus – war irgendwie klar… In Österreich (wohin ich auch verkaufe) ist außerdem die Pflegeanleitung Pflicht, in Deutschland ist sie freiwillig. Diese Etikettierung muss dann auch noch dauerhaft am Produkt angebracht sein, also nicht aufgeklebt oder mit Sicherheitsnadel befestigt. Über den Sinn dieser Vorschrift habe ich lange nachgedacht. Wahrscheinlich sollen die unzähligen amnesiegeplagten Verbraucher auch noch nach dem Waschen daran erinnert werden, dass sie eigentlich allergisch gegen die verwendeten Textilien sind… Die Vorschrift kann also nur in Form eines eingenähten Stoffetiketts, eines Aufbüglers oder Textilstempels, deren Beschriftung natürlich nicht wasserlöslich sein darf, eingehalten werden. Was im Falle einer Maske die Optik und den Tragekomfort irgendwie einschränkt, zumal das Schildchen nach Einhaltung aller Vorgaben ca. 8 cm lang ist. Wer kennt sie nicht, die blöden Textilschildchen, die ständig kratzen und die man daher direkt nach dem Kauf mühsam mit der Nagelschere raustrennt, sich über die Rückstände an der Naht ärgert und nur hoffen kann, dass man bei der Aktion nicht aus Versehen das Kleidungsstück beschädigt hat. Tja – das verdanken wir der EU, allerdings gab es ein ähnliches (nicht ganz so umfangreiches) Gesetz auch schon vor der EU. Übrigens kosten solche Textilschildchen 30 Cent, die dann meistens im Müll landen… Aber kein Gesetz ohne Ausnahme. Auch hier gibt es Ausnahmen, wenn auch wenige. So ist es zum Beispiel erlaubt, ausnahmsweise nur die Verpackung mittels Aufkleber oder Aufdruck zu etikettieren, wenn das Produkt durch die direkte Etikettierung erheblichen Tragekomfort einbüßen oder gar zerstört würde oder es wirtschaftlich unverhältnismäßig wäre, ein solches Schild einzuarbeiten (ich sag nur 30 Cent plus Arbeitsaufwand fürs Einnähen…) Bei einer Gesichtsmaske finde ich, dass diese Punkte zumindest ansatzweise zutreffen. Daher ist die rechtliche Auslegung im Internet auch sehr geteilter Meinung und das ist irgendwie schlecht für meine Rechtssicherheit. Daher habe ich jetzt Testbestellungen bei Masken gemacht und zwar einmal bei C&A , als Beispiel für ein professionelles Textilunternehmen und außerdem bei einem meiner großen Mitbewerber auf etsy, der sehr massiv Masken zu einem günstigen Preis anbietet. Diese werden laut seiner shop-Info „zu fairen Bedingungen in aller Welt“ produziert. Wir wissen alle, was das bedeutet… Made in Germany sind sie jedenfalls sehr wahrscheinlich nicht, was auch den unschlagbar günstigen Preis erklärt. Übrigens muss das Ursprungsland der Herstellung auch bei der Textilkennzeichnung genannt werden. Bei beiden Online-Händlern war die Artikelbeschreibung konform zum Textilkennzeichnungsgesetz, allerdings wurde bei beiden das Herstellungsland nicht erwähnt. Die Maske von C&A ist noch nicht angekommen. Die Maske des etsy-Händlers kam sehr schnell und war von wirklich guter Verarbeitung – also entweder werden die doch maschinell hergestellt oder es handelt sich um sehr sehr gute Schneiderinnen, die meine Nähkünste verblassen lassen. Nun mache ich das aber auch nicht 16 Stunden am Tag… Auf jeden Fall fehlte eins: Die Etikettierung – weder in der Maske noch auf der Verpackung. Kein Hinweis auf Textilzusammensetzung, Hersteller und Ursprungsland. Also ein klarer Verstoß gegen das EU-Gesetz. Ich bin gespannt auf die Masken von C&A. Wenn das Textillabel in der Maske dort auch fehlt, so gehe ich mal davon aus, dass ich es bei einem Aufkleber auf der Verpackung belassen kann. Das ist dann allemal mehr, als das, was meine Mitbewerber so machen. Ich habe schon testweise sehr hübsche Etiketten drucken lassen – sogar mit Pflegeanleitung für meine österreichischen Kunden.

Soviel zum Konglomerat rechtlicher Probleme mit meinem Online-Shop. Sehr viel erfreulicher war die Entwicklung des Bestellaufkommens, dass im Oktober und November alle meine Erwartungen übertroffen hat. Dafür war ich dann aber auch sehr sehr beschäftigt und zeitweise hatte ich schon Angst vor dem nostalgischen „Kasching“ – das mein Handy von sich gibt, wenn ein neuer Auftrag eingeht. Zum Glück konnte ich trotz zunehmender Probleme mit der Chemo-Therapie und weiterer schlechter Neuigkeiten meine Lieferzeiten einhalten und somit auch meine Erwartung an mich erfüllen. Allerdings zu einem hohen Preis. Am Jahresende war ich sehr erschöpft und habe meinen etsy-shop erstmal für 3 1/2 Wochen in den Urlaubsmodus geschickt. Das bedeutet aber leider, dass ich mit meinen Artikeln am Ende der Liste angekommen bin, da sie in dieser Zeit nicht bestellt werden konnten. Die Reihenfolge der Produktsichtbarkeit auf etsy wird nämlich hauptsächlich davon bestimmt, wie häufig die Artikel verkauft wurden. Ich behelfe mir mit bezahltem Marketing über etsy. Dann tauchen einige meiner ausgewählten Produkte wenigstens als Anzeige auf den ersten Seiten auf – denn sind wir mal ehrlich, wer hat schon Zeit und Lust 100 Seiten mit Masken durchzublättern. Allerdings würde es sich lohnen 😉

Für das Jahr 2021 habe ich mir ein neues Konzept für meine Arbeit rund um den Online-Shop überlegt.

  1. Ich will auf keinen Fall noch einmal in eine solch stressige Arbeitssituation geraten. Daher verkaufe ich nun nur noch Artikel, die ich bereits fertig habe und produziere dann nach – je nach meiner Verfassung. Im schlimmsten Fall sind einige meiner Produkte eben eine Zeit lang ausverkauft.
  2. Ich möchte mich deutlich breiter aufstellen, denn die Nachfrage nach Masken wird in den nächsten Monaten kontinuierlich nachlassen. Außerdem ist es auf Dauer langweilig und fordert meine Kreativität nicht in ausreichendem Maße. Also werde ich das Thema Grußkarten wieder in meinem Shop aufnehmen. Damit hat übrigens 2019 alles angefangen. Dafür habe ich den etsy-shop damals eigentlich eröffnet. Allerdings waren handgefertigte Unikate als Grußkarten nicht sonderlich begehrt – da sie aufgrund der Arbeitszeit viel zu teuer waren. Ich habe den Vertrieb dann nach ein paar Monaten wieder eingestellt. Nun starte ich einen neuen Versuch mit einem anderen Konzept. Ich werden meine schönsten Designs an Grußkarten nach und nach einscannen und über Photoshop nachbearbeiten. Die fertigen Dateien gebe ich dann an eine Druckerei und lasse Postkarten und Klappkarten erstellen. Für meine Auswahl an Valentinskarten bin ich damit bereits fertig und heute kam meine Testbestellung von der Druckerei – ich bin begeistert! Die Karten werde ich hoffentlich noch diese Woche fotografieren und in meinem etsy-shop einstellen. Es folgen dann Glückwunschkarten und was ich sonst noch so in den letzten Jahren entworfen habe. Für die geplanten neuen Entwürfe habe ich mir jetzt ein Grafik Tablet zugelegt – das liegt noch verpackt hier rum. Es wird sicherlich zunächst eine große Umstellung sein nicht mehr mit Stift auf Papier zu zeichnen, sondern auf einem Tablet und das Resultat auf dem Bildschirm des Laptops zu sehen und nicht unter meinen Händen. Mein Bruder, der seit über zwei Jahrzehnten Designer ist, versicherte mir aber, dass man sich daran gewöhnt. Also sein Wort in Gottes Ohr – ich werde aber wohl oder übel noch ausreichend üben müssen. Für die Grußkarten reicht eigentlich auch die eingescannte und in Photoshop bearbeitete Papierversion – die ich immer auch noch mit Aquarellfarben farbig gestalte. Aber zukünftig möchte ich einige meiner Designs auch sticken können und dafür benötige ich Vektordateien, denn nur diese können in Stickdateien umgewandelt werden. Vektordateien arbeiten anders als die eingescannten Fotodateien nicht mit Pixeln und zeichnen sich durch ganz klar abgegrenzte Umrandungen aus. Da kommt dann das Grafik-Tablet zum Einsatz. Eine neue Wissenschaft tut sich vor mir auf…
  3. Außerdem möchte ich meine Produktpalette mit schönen Dekosachen erweitern. Ich stelle mir Anhänger für die Osterzweige vor, Eierwärmer, Kissenhüllen, Lichterbeutel, Stoffhandtaschen, Wimpelketten…. Ich könnte hier noch stundenlang aufzählen und ins Schwärmen geraten. Wir werden sehen, was ich davon etsy-tauglich umsetzen kann. Etsy-tauglich ist es dann, wenn das Preis-Leistungsverhältnis stimmt. Das bedeutet der Arbeitsaufwand muss überschaubar bleiben, sonst wird das Produkt zu teuer. Leider liebe ich gerade die ganzen verspielten Details, die kosten aber sehr viel Zeit und die muss ich mir für etsy-Produktionen wohl oder übel verkneifen und alles etwas puristischer gestalten.

Soweit zum Abenteuer meiner Selbständigkeit. Wie ist es mir denn aber gesundheitlich ergangen? Leider machte mir die Chemotherapie mit TDM1 doch nach und nach deutlich zu schaffen – trotz Kortison. Durch das Kortison war mir zwar nicht mehr übel, aber sobald ich die Dosis herabgesetzt habe, war ich eine Woche lang völlig fertig. Ich fühlte mich, als hätte ich Blei in den Knochen mit zusätzlichen Ketten an den Füße und ich hatte ein sogenanntes Chemobrain. Das bedeutet, dass man das Gefühl hat, nur noch Watte im Kopf zu haben und sich nur sehr schwer konzentrieren kann. Kleinste Tätigkeiten werden schon zur Last. Dinge, die ich sonst mit Links erledigt, werden zur Tagesaufgabe. Spaziergänge mit dem Hund sind anstrengend, weil ich nicht so gut Luft bekomme. Das liegt daran, dass die Chemotherapie – leider auch diese, obwohl sie ja angeblich nur gezielt die Krebszellen töten soll – immer einen Teil der roten Blutkörperchen zerstört, die für die Sauerstoffaufnahme zuständig sind. Nun habe ich nur noch eine Lungenhälfte und wenn dann auch noch weniger rote Blutkörperchen da sind, potenziert sich die Luftnot natürlich. Das wirkt sich dann auf Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit aus. Nach ca. 1,5 Wochen ist der Spuk vorbei. Die Zellen haben sich dann weitestgehend regeneriert, so dass es mir dann besser geht. Allerdings wird die Zeitspanne von Chemo zu Chemo kürzer, da immer ein Restpegel der Medikamente verbleibt. Zusätzlich schlägt gerade dieses Chemomedikament stark auf die Leber. Meine Leberwerte hatten sich im Herbst dann auch signifikant verschlechtert. Zu diesem Zeitpunkt war ich psychisch auch ziemlich am Ende und wollte nur noch eine Chemo-Pause. Die bekam ich dann auch. Die letzte Chemo (es war der 7. Zyklus, seit Beginn im Sommer) bekam ich Ende Oktober. Die Planung sah vor, dass es mit dem 8. Zyklus erst im Januar wieder weitergehen würde und ich damit gute zwei Monate zur Erholung hätte.

Leider kam es anders. Im November fand mein vierteljährliches CT statt und das brachte schlechte Neuigkeiten. In der rechten Lungenhälfte war immer schon ein kleiner Punkt, den die Ärzte nie so richtig deuten konnten. Da er sich über die Jahre nicht veränderte, ging man davon aus, dass es wohl eine Vernarbung und keine Metastase ist. Doch dieser Punkt hatte sich nun verändert. Nicht viel, aber immerhin. Im Jahresvergleich war er um einen Zentimeter gewachsen. Daher war es jetzt viel wahrscheinlicher, dass es sich dabei doch um eine Metastase handelt. Damit diese nicht noch größer wird, schlug meine Onkologin eine Bestrahlung vor – eventuell mittels des noch relativ neuen Instruments des Cyberknifes – eine Art Skalpell aus radioaktiver Strahlung. Zu diesem Zweck überwies sie mich an ein Strahlenzentrum in Hamburg, welches dieses Gerät besitzt.

Zunächst einmal musste ich alle Befunde und CDs der vorangegangen Jahre persönlich in der Praxis in Hamburg abgeben, denn wenn die auf dem Postwege verloren gehen würden, wäre das eine mittlere Katastrophe. Einige Tage später rief mich einer der Radiologen an und teilte mir mit, dass die Stelle in der Lunge behandelt werden kann. Ich war sehr erleichtert, denn es hätte auch gut sein können, dass diese Stelle so ungünstig liegt, dass eine Behandlung nicht möglich gewesen wäre ohne zu viel Lungengewebe zu zerstören oder andere Organe zu gefährden. Die fragliche Stelle liegt aber am unteren Lungenrand, so dass eine Bestrahlung gute Erfolgsaussichten hat ohne allzu große Kollateralschäden zu verursachen. Die Frage war nun ob mittels Cyberknife vorgegangen werden soll oder mittels stereotaktischer Bestrahlung. Der Unterschied liegt darin, dass das Cyberknife mit einer sehr viel höheren Strahlendosis arbeitet. Es zerschneidet die Metastase wie ein Skalpell. Allerdings geht die Strahlung auch durch anderes Gewebe und der dort verursachte Schaden heilt nicht komplett ab. Das wäre für das betroffene gesunde Lungengewebe rund um die Metastase nicht so optimal, da ich nun einmal nicht mehr so viel davon zu verschenken habe. Am Genauesten hätte diese Behandlung mit Goldmarkern erfolgen können, die mittels vorheriger Punktion rund um die Metastase eingebracht worden wären – quasi als Begrenzungsmarkierung. Dadurch hätte die Strahlung unter Berücksichtigung der Bewegung durch die Atmung so genau berechnet und angepasst werden können, dass der Kollateralschaden gering gewesen wäre. Die Punktion hätte in der Lungenklinik durchgeführt werden müssen. Der Radiologe riet mir, mich vorher mit den Ärzten dort zu beraten, denn in meinem Fall mit nur einer Lungenhälfte, könnte die Punktion problematisch sein.

Und so war es dann auch. Der Professor in der Lungenklinik riet mir von einem solchen Eingriff ab, denn bei einer Punktion besteht immer die Gefahr eines Pneumothorax. Dabei kollabiert die Lunge, wie ein Luftballon, dem die Luft entweicht und klebt zusammen. Es ist dann sehr schwierig, die Lunge wieder aufzupusten. Wenn dann kein zweiter Lungenflügel da ist, der die Atmung in dieser Zeit sicherstellen kann, wird es lebensgefährlich. Letztlich kamen also die Goldmarker nicht in Frage. Der Radiologe sagte mir daraufhin, dass er diese Aussage schon befürchtet habe, aber es natürlich noch den Weg der stereotaktischen Bestrahlung gäbe, die in meinem Fall ein ebenso gutes Ergebnis erzielen würde, das aber ein niedrigeres Risiko für das verbliebene Lungengewebe aufweist. Der Unterschied besteht darin, dass die Strahlenmenge geringer dosiert ist und daher auch weniger Kollateralschaden entsteht. Die getroffenen gesunden Zellen können sich in aller Regel davon wieder erholen. Die getroffenen Krebszellen hingegen nicht. Im Gegensatz zum Cyberknife müssen bei dieser Methode jedoch mehr Bestrahlungstermine angesetzt werden. In meinem Fall waren es acht. Beim Cyberknife hätten zwei bis drei Sitzungen gereicht. Doch für die Sicherheit war ich gerne bereit diese Zeit in Kauf zu nehmen. Mir war es wichtig, dass die Bestrahlung noch im Jahr 2020 während meiner Chemopause abgeschlossen werden konnte. Bestrahlung und Chemo zusammen wäre nämlich bezüglich der potenzierten Nebenwirkungen Hardcore gewesen. Zum Glück klappte die Terminierung. Allerdings musste ich auch Heiligabend und Silvester hin. Silvester war dann aber auch das letzte Mal.

Ein weiterer Vorteil der stereotaktischen Bestrahlung war ein finanzieller. Diese wird nämlich standardmäßig von der Krankenkasse bezahlt. Das Cyberknife muss erst beantragt werden und kostet zwischen 8.000 und 11.000 Euro. Ein Gespräch mit der freundlichen Sachbearbeiterin meiner Krankenkasse lies mich erahnen, dass das problematisch geworden wäre. Zunächst hätte nämlich meine Onkologin einen Bericht schreiben müssen, wieso das Cyberknife der stereotaktischen Bestrahlung vorzuziehen wäre. Dafür hätte sie sicherlich in der hektischen Vorweihnachtszeit mindestens eine Woche gebraucht – wenn sie es überhaupt noch vor dem Weihnachtsurlaub geschafft hätte. Sie hätte sich ja diesbezüglich auch noch mit den Radiologen abstimmen müssen, da dies nicht ihr Fachgebiet ist. Die Radiologen hingegen hätten den Bericht nicht schreiben dürfen, da sie bei der Krankenkasse als nicht objektiv gelten. Immerhin verdienen sie viel Geld mit dem Cyberknife. Also möglicherweise hätte das Ganze erst Anfang Januar vorgelegen. Dann hätte ich der Krankenkasse den Bericht der Onkologin und die gesammelten Befunden der letzten Jahre schicken müssen, die diese wiederum dem kassenärztlichen Dienst weitergeleitet hätte. Wieder eine Woche vorbei. Der kassenärztliche Dienst hat dann bis zu 5 Wochen Zeit für seine Entscheidung. Da wäre es dann schon Mitte Februar. Vielleicht hätte es auch zunächst eine Ablehnung gegeben und ich hätte Einspruch einlegen müssen. Ihr seht, das Ganze wäre vielleicht möglich, wenn es um irgendeine Behandlung ginge, die nicht ganz so zeitkritisch ist. Bei einer Bestrahlung wegen eines ständig weiter wachsenden Krebstumors ist das aber eher suboptimal, um nicht zu sagen lebensgefährlich. Fazit: Um möglichst schnell bestrahlt zu werden, hätte ich die Behandlung selber bezahlen müssen, auf die Gefahr hin, diese nicht von der Krankenkasse erstattet zu bekommen. Der Radiologe, dem ich mein Leid geklagt hatte, meinte dazu, dass die Krankenkassen oft darauf spekulieren, dass eine Behandlungsmethode aufgrund dieser langen Bearbeitungszeit nicht umsetzbar ist. Er versicherte mir aber, dass man im Falle einer privaten Bezahlung der Behandlung noch Verhandlungsspielraum bezüglich des Preises hätte. Nun, wie groß dieser gewesen wäre, werde ich nun nie erfahren, denn es lief ja am Ende doch auf die stereotaktische Bestrahlung hinaus, die die Krankenkasse standardmäßig bezahlt.

Der erste Bestrahlungstermin war aufregend. Zunächst einmal musste ich in ein besonderes Wartezimmer, welches komplett videoüberwacht war – irgendwie fühlte ich mich an die Utopien „1984“ und „Brave New World“ erinnert. Ich brauchte mich auch nicht vorne an der Rezeption anzumelden, sondern konnte einfach direkt ins Wartezimmer gehen. Anhand eines Fotos, welches bei den Voruntersuchungen gemacht wurde, konnten die Mitarbeiter mich erkennen und über Lautsprecher aufrufen. Ich musste nie länger als 5 Minuten warten und war meist im Wartezimmer allein. Es war alles akribisch durchgetaktet. Zur Bestrahlung musste ich auf einer Wendeltreppe zwei Stockwerke in den Keller runter. Dort waren die Schaltzentrale und das Gerät. Es sah aus wie auf der Brücke des Raumschiffs Enterprise. Es gab vier Mitarbeiter, die auf gefühlte zwanzig Bildschirme schauten. Der Raum mit dem Bestrahlungsgerät war recht groß und wirkte durch das Fehlen von Fenstern ebenfalls wie auf einem Raumschiff. Das Gerät – ein sogenannter Teilchenbeschleuniger – erinnerte mich an eine Mischung aus CT- und Szintigraphiegerät. Die wirken an sich schon ein wenig wie aus einem Science Fiction Roman. Ich wurde auf dem Rücken gelagert und der Arm des Geräts mit drei Platten und einer komischen Sonde wurde um mich herumgeschoben. Zum Glück mit recht komfortablem Abstand. Mein Körper ist vorher mit Kreuzen markiert worden und die wurden nun mit grünen Laserlinien abgeglichen, die das Gerät ausstrahlte. Als ich exakt ausgerichtet da lag, verließen Spock und Scotty den Raum und der Arm des Gerätes begann sich langsam zu drehen. Irgendwie erwartete ich einen roten Strahl, der auf meine Lunge schießen würde, wie der Todesstern in Starwars auf einen Planeten. Aber die Strahlung war natürlich unsichtbar. Man hörte nur ein summendes Geräusch, als die Atome durch den Teilchenbeschleuniger herausgeschossen wurden. Das Gerät drehte sich einmal nach rechts, dann wieder nach links und der Spuk war vorbei. Spock uns Scotty kamen zurück und befreiten mich vom Gerät. Das Ganze hatte keine 5 Minuten gedauert. Und weitere 5 Minuten später war ich schon wieder aus der Praxis raus.

Da das bestrahlte Gewebe nur ein geringes Volumen hatte, gingen die Ärzte nicht von starken Nebenwirkungen aus. Es könnte eventuell ein Strahlenkater eintreten, also Müdigkeit und Abgeschlagenheit. Dies sollte aber spätestens nach 14 Tagen wieder abklingen. Bei mir lösten die Bestrahlungen aber leider doch wieder leichte Übelkeit aus. Nicht so schlimm, wie bei den Chemos, aber richtig gut ging es mir nicht. Zum Glück bekam ich schnell raus, dass gegen das flaue Gefühl im Magen Essen half. Also futterte ich was das Zeug hielt – um Weihnachten herum ja auch nicht weiter schwierig. Außerdem halfen mir homöopathische Gobuli wie Okoubaka ganz gut.

Das Ergebnis der Bestrahlung wird man frühestens auf dem nächsten turnusmäßigen CT sehen, welches für Ende Februar geplant ist. Im besten Fall ist nur noch eine kleine Narbe übrig. Zumindest sollte die Bestrahlung aber bewirken, dass das auffällige Gewebe nicht weiter wächst und sich optimalerweise zurückgebildet hat.

Gestern ging es mit meiner Chemotherapie TDM1 weiter. Ich bin gerade wieder voll auf Kortison, also recht leistungsstark. Das wird sich mit dem schleichenden Absetzen des Kortisons zum Wochenende aber leider ändern und nächste Woche dann wieder Erschöpfung, Bleiknochen und Chemobrain. Mal sehen wie viele Zyklen ich diesmal durchhalte. Ich plane wieder mit ca. 7 bis 8. Das wäre bei dem dreiwöchigen Rhythmus bis zum Sommer. Dann brauche ich bestimmt wieder eine Pause. Mit der Aussicht auf längere Pausen macht es mir die Vorstellung dieser Dauerchemo auch ein wenig leichter. Und hoffentlich wird die nächste Pause dann auch mal komplett zur Pause und nicht wieder durch irgendwelche Hiobsbotschaften mit dazugehöriger Behandlung getrübt.

Letztes Thema für heute: Corona. Viele fragen mich, wie es mir mit meiner Lungeneinschränkung und der Chemo / Bestrahlung während der Corona-Pandemie geht. Also vor Corona habe ich schon großen Respekt. Allerdings bin ich etwas abgeklärter, als noch im Frühjahr nach meiner Lungen-OP. Da hatte ich richtig Angst, wahrscheinlich auch, weil es mir insgesamt sehr schlecht ging. Trotzdem hatte ich schon vor den offiziellen Lock-Down Regeln für den Winter eigene Corona-Regeln erschaffen, die im Prinzip genau so definiert waren, wie sie es jetzt auch sind. Ich treffe mich nirgendwo zu Hause, sondern nur im Freien, zum Beispiel auf einem Spaziergang mit einer Freundin. Es gibt allerdings ein paar Ausnahmen. Mein Freund, seine Kinder, meine Eltern und die beste Freundin meiner Tochter. Naja und meinen Bruder mit Familie habe ich letzte Woche kurz besucht, weil meine Nichte Geburtstag hatte. Weihnachten haben wir uns hingegen dieses Jahr nicht gesehen. Einkaufen gehe ich auch, allerdings versuche ich es auf einmal die Woche zu reduzieren, sehr zum Unmut der Menschen hinter mir an der Kasse, denn mein Wagen ist immer randvoll 😉 Ich habe auch schon einige Experimente bezüglich der optimalen Einkaufszeiten gemacht und musste feststellen, dass morgens um 7 Uhr die Geschäfte im Prinzip recht leer sind, aber jede Menge Warenpaletten rumstehen und es deswegen doch ziemlich wuselig ist. Besser ist es gegen 8 oder 8.30 Uhr. Dann ist nämlich der Großteil der neuen Ware eingeräumt, der Laden trotzdem noch recht leer und insgesamt die Einkaufssituation entspannter. Bei uns in der Vorstadt ist auch Mittwoch früher Nachmittag ein guter Termin. Der Wochenmarkt macht gegen 13.30 Uhr dicht, ebenso Ärzte, Apotheken und Banken. Im Lockdown hat jetzt alles andere auch dicht, bleiben also nur die Supermärkte. Da die fleißigen Marktbesucher die Supermärkte bereits am Vormittag abgearbeitet haben, ist es recht leer. Natürlich trage ich FFP2-Masken. Leider muss das sein, um mein Risiko auf ein Minimum zu reduzieren. Sehr viel lieber würde ich natürlich meine Kreationen tragen – im Sommer habe ich das auch noch gemacht. Nun ist es mir aber doch zu gefährlich geworden, denn die Stoffmasken schützen ja nur die anderen und es gibt leider immer noch genug Leute, die ihre Masken nicht korrekt tragen und für mich damit zur potenziellen Gefahr werden.

Im Großen und Ganzen komme ich mit Corona gut klar. Dadurch, dass ich in den letzten Monaten so viel um die Ohren hatte, habe ich meine persönliche Abschottung gar nicht so bemerkt. Doch ich hoffe, dass es in diesem Jahr wieder besser wird und auch die persönlichen zwischenmenschlichen Kontakte aufleben werden. Wobei es auch lustige Entwicklungen gegeben hat, die ohne Corona so wahrscheinlich nie zu Stande gekommen wären. So spiele ich seit einigen Monaten am Abend häufiger mit meiner Freundin aus München und ihrem Mann online und zusätzlich mit Videokonferenz „Die Siedler von Catan“, „Carcassonne“ und „Ticket to Ride“. Das macht riesigen Spaß und seit meine Freundin vor mehr als 20 Jahren der Liebe wegen nach München gezogen ist, hatten wir – von gelegentlichen Besuchen und Telefonaten mal abgesehen – nicht mehr so viel Kontakt.

Und wenn ich mich jetzt noch frage, wieso ich so lange keinen Blogbeitrag mehr geschrieben habe, muss ich einfach nur mal auf die Uhr schauen. Ich schreibe seit sechs Stunden… Trotzdem hoffe ich, dass ich zukünftig wieder etwas regelmäßiger schreiben kann, denn ich stelle dabei immer wieder fest, wie viel Spaß es mir macht.

Für das neue Jahr wünsche ich Euch Glück, viele schöne Momente und natürlich Gesundheit! Bleibt von Corona verschont und natürlich auch von anderen fiesen Krankheiten. Und ich wünsche uns allen, dass wir spätestens im Herbst unsere Familie und unsere Freunde wieder fest in die Arme schließen können.

P.S. Dieser Artikel enthält Werbung wegen Markenerkennung – unbeauftragt und unbezahlt

Veröffentlicht von bluemchenfee

Im Oktober 2011 erhielt ich die Diagnose metastasierter Darmkrebs. Zu diesem Zeitpunkt war ich 38 Jahre alt und hatte zwei kleine Kinder im Alter von 3 und 6 Jahren. 2016 kam die Diagnose metastasierter Brustkrebs hinzu. Ich lebe in einer Kleinstadt im Hamburger Umland, bin mittlerweile geschieden, aber glücklich neu vergeben und alleinerziehende Mutter von zwei Pubertieren. Mein Alltagschaos zwischen Patchwork und Krebserkrankung wurde vor knapp zwei Jahren durch einen Hundewelpen abgerundet. Meine vielfältigen Erfahrungen mit der Erkrankung, der Heilung und den Herausforderungen, aber auch den Schönheiten des Alltags möchte ich in diesem Blog mit Euch teilen und damit hoffentlich anderen Betroffenen und Interessierten Mut machen. Meine kreativen Produkte, die ich hier auch immer mal wieder erwähne, findet Ihr übrigens unter bluemchenfeedesign.etsy.com

Ein Kommentar zu “Eine Zusammenfassung zum Jahresauftakt

  1. Wahnsinn, dass Du das gestern noch zu Ende geschrieben hast. Zeigt einmal mehr, was für eine Powerfrau Du bist!

    Ich hoffe auch sehr, dass ich Dich ganz bald wieder in den Arm nehmen darf und freue mich schon auf gemütliche Abende mit Trash-TV oder Sundowner😘

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