Süchtig nach dem Leben

Auf der gestrigen Autofahrt zu meiner Psychoonkologin habe ich mich von meinem derzeitigen Hörbuch „Der Zauberhut“ von Terry Pratchett unterhalten lassen. Der ungemein ängstliche und feige Zauberer Rinswind, der sein Herz aber dennoch am rechten Fleck hat, geriet in eine Diskussion mit einer mutigen Barbarentochter. Sie wollte wissen, wie er trotz seines fehlenden Mutes so lange auf der zugegebener- maßen ziemlich gefährlichen Scheibenwelt überlebt hat. „Ich bin süchtig“, antwortete Rinswind. „Süchtig wonach?“ fragte die Barbarentochter. „Süchtig nach dem Leben.“

Am Montag hatte ich das Gespräch mit dem chirurgischen Chefarzt der Lungenklinik. Alle Untersuchungen in der Vorwoche sind gut verlaufen, es stand jedoch noch das histologische Ergebnis der Bronchoskopie aus. An den Stellen, an denen ein Schnitt erfolgen könnte, wurden Abstriche genommen, um sie im Labor auf Krebszellen untersuchen zu lassen. Eine Entdeckung von Krebszellen wäre ein Ausschlusskriterium für die OP gewesen, da dann fest stünde, dass der Krebs bereits weit ins Bronchialsystem vorgedrungen ist. Ich habe meinen Vater gebeten, mich in das Gespräch mit dem Chirurgen zu begleiten – es hing viel davon ab. Danke Papa!

Der Chirurg beeindruckte mich durch seine sehr ruhige und besonnene Art. Der Chefarzt der Onkologie, mit dem ich es bisher immer zu tun hatte, ist ebenfalls ruhig und besonnen, aber der Chirurg übertrifft ihn noch. Beide hätten ansonsten unterschiedlicher nicht sein können. Der Chefarzt der Chirurgie thronte in seinem modernen Büro hinter seinem hochglänzenden Schreibtisch, allerdings ohne jegliche Überheblichkeit. Er strahlt eine natürliche leise Autorität aus. Der Chefarzt der Onkologie hingegen hat ein sehr bodenständiges Büro, mit einer behaglich-gemütlichen Atmosphäre. Er erinnert mich an einen Pastor. Der Chefarzt erinnert mich an – ja woran? Ich glaube, er erinnert mich an das klassische Klischee eines Halbgottes in Weiß. Letztlich sind mir beide Chefärzte auf ihre jeweilige Art sehr sympathisch.

Ich lauschte den Ausführungen des Chirurgen zu Risiken und Möglichkeiten einer Lugenflügelentfernung und den Besonderheiten meines Falles. Doch ich konnte daraus nicht klar ableiten, ob das nun die Einleitung dafür sein sollte, dass die OP nicht erfolgen kann oder eben doch. Ich bin fast erstickt im eisernen Versuch nicht dazwischen-zureden. Endlich ergab sich die Möglichkeit für eine Frage. Ich fragte also nach dem Ergebnis der Bronchoskopie. Es ist alles unauffällig, meinte der Chirurg. Mir fielen Steine in der Größenordnung von verheerenden Meteoriten vom Herzen. Der Chirurg dachte, dass ich das Ergebnis der Bronchoskopie und auch den bereits geplanten OP-Termin bereits kennen würde.

Nun konnte ich dem Gespräch mit einer ganz anderen Euphorie folgen und kam zu interessanten neuen Erkenntnissen.

Die Uniklinik hatte 2016 mit der Lungenteilresektion, also der Entfernung eines Teils aus der linken Lungenhälfte nicht alle Krebszellen erwischt. Die OP war dementsprechend ein Misserfolg. Platt gesagt: Die Chirurgen hatten damals zu wenig Lungengewebe entfernt. Soweit wusste ich das bereits. Daher war es auch so wahrscheinlich, dass an den Schnitträndern erneut Metastasen nachwachsen würden. Mir war jedoch nicht klar, dass alle meine derzeitigen Metastasen – also auch die an der Lungenwurzel – an diesen Schnitträndern liegen, also nicht neu entstanden, sondern „nur“ nachgewachsen sind. Das bedeutet, dass sich seit der Diagnose der Lungenkrebsmetastasen im Oktober 2016 keine weiteren neuen Metastasen gebildet haben und das macht mir Mut.

Eine weitere Erkenntnis betrifft den Verlauf von metastasierten Krebserkrankungen allgemein. Der Chirurg sprach von einer Wellenbewegung. Krebserkrankungen würden erfahrungsgemäß nicht (mehr) linear verlaufen (das bedeutet, es wird immer schlimmer, bis irgendwann das Ende erreicht ist) sondern in Wellen. Es treten aus irgendwelchen Gründen – wahrscheinlich hängt das mit dem Immunsystem zusammen – zu einem Zeitpunkt Metastasen auf oder es wird ein neuer Primärtumor gefunden. Wenn dieser dann erfolgreich behandelt, also zum Beispiel wegoperiert wird, tritt erstmal eine Zeit der Ruhe ein. Dann kommt es nach einer gewissen Zeit allerdings meistens erneut zu Metastasen und so weiter. Diese Wellen – immer vorausgesetzt, dass die Tumore erfolgreich entfernt werden können – werden jedoch nicht jedes Mal höher, sondern sie flachen ab. Weniger Metastasen, längere Zeiträume der Ruhe etc. Am Ende kann es sein, dass gar keine Metastasierung mehr auftritt. Mit anderen Worten: Der Patient ist geheilt.

Die dritte Erkenntnis liegt in der Art und Weise wie sich die kleinen Krebsschläferzellen im Körper verhalten. Ich dachte bisher immer, dass ein Tumor, welcher Metastasen bildet, kleine Abkömmlinge als Krebsschläferzellen in die Blutbahn oder Lympfbahn schickt und diese dort herumkreisen, bis sie irgendwann erwachen, sich in einem angenehmen Organ festsetzen und einen eigenen Stoffwechselapparat bilden. Das befähigt sie dazu zu wachsen und sie werden sichtbar. Auch wenn der Tumor bereits längst entfernt wurde, sind die Krebsschläferzellen noch vorhanden und cruisen im Organismus herum. So ist das allerdings nicht ganz, sagte der Chirurg. Die Krebsschläferzellen kreisen nicht, sondern sie haben sich schon längst an einem angenehmen Ort niedergelassen. Dort gelingt es ihnen jedoch möglicherweise nicht einen Stoffwechselapparat zu bilden, um zu wachsen. Das erschweren auch Chemo und Antikörpertherapien. Sie schlafen dann weiter oder sterben. Wenn dem so ist, bedeutet es meiner Ansicht nach aber auch, dass ein Auftreten von neuen Metastasen mit der Zeit unwahrscheinlicher wird. Denn wenn eine Krebsschläferzelle seit neun Jahren sagen wir mal in der rechten Lungenhälfte rumlungert (wie witzig – kommt das Wort daher?) und es ihr noch nicht gelungen ist aktiv zu werden, wird sie es sehr wahrscheinlich auch nie mehr schaffen.

Kurz und gut, dies alles sind weitere Gründe für mich sehr optimistisch in die Zukunft zu blicken. Mein Ziel der Heilung kommt mit Riesenschritten näher. Nun gilt es aber zunächst die OP gut zu überstehen und schnell wieder auf die Beine zu kommen. Nächsten Freitag, also am 7. Februar ist die OP und einen Tag vorher checke ich in der Lungenklinik ein. Ich werde dann wahrscheinlich zwei Wochen dort verbringen. Ob direkt im Anschluss eine Reha erfolgt, wird in der Woche nach der OP entschieden. Es kommt darauf an, in welcher körperlichen und seelischen Verfassung ich dann bin.

Bis dahin liegt noch einiges an organisatorischen Aufgaben vor mir – packen wir es an!

Auf meinem heutigen Hundespaziergang, inmitten von wütendem, wild entschlossenem Schneeregen, habe ich das erste Grün gesehen. Ein kleiner Strauch am Wegesrand zierte sich mit feinen hellgrünen Blättern und dicht daneben wuchs ein Büschel Schneeglöckchen im kalten Boden, mutig und völlig unbeeindruckt von jeglicher Wetterlage. Süchtig nach dem Leben.

P.S. Wer von Euch aufgrund meiner letzten beiden Beiträge Lust auf einen Scheibenwelt-roman von Terry Pratchett bekommen hat, dem empfehle ich zum Einstieg die beiden ersten Bände dieser Reihe: Die Farben der Magie sowie Das Licht der Fantasie und zwar am Besten als Hörbuch. Der Sprecher liest diese Bücher so ausgezeichnet mit verschiedenen, häufig urkomischen Stimmlagen und Dialekten, dass die Geschichten regelrecht zum Leben erwachen.

Veröffentlicht von bluemchenfee

Im Oktober 2011 erhielt ich die Diagnose metastasierter Darmkrebs. Zu diesem Zeitpunkt war ich 38 Jahre alt und hatte zwei kleine Kinder im Alter von 3 und 6 Jahren. 2016 kam die Diagnose metastasierter Brustkrebs hinzu. Ich lebe in einer Kleinstadt im Hamburger Umland, bin mittlerweile geschieden, aber glücklich neu vergeben und alleinerziehende Mutter von zwei Pubertieren. Mein Alltagschaos zwischen Patchwork und Krebserkrankung wurde vor knapp zwei Jahren durch einen Hundewelpen abgerundet. Meine vielfältigen Erfahrungen mit der Erkrankung, der Heilung und den Herausforderungen, aber auch den Schönheiten des Alltags möchte ich in diesem Blog mit Euch teilen und damit hoffentlich anderen Betroffenen und Interessierten Mut machen. Meine kreativen Produkte, die ich hier auch immer mal wieder erwähne, findet Ihr übrigens unter bluemchenfeedesign.etsy.com

4 Kommentare zu „Süchtig nach dem Leben

  1. Du hast alles so wunderbar geschrieben, liebe Anne. Ich bewundere deine Stärke. Für den 7. Februar wünsche ich dir alles Liebe und Gute und hoffe mit dir, dass du dein Ziel sehr schnell erreichen wirst.
    Sei ganz lieb gegrüßt auch von Dieter
    Ilse
    Jan Hendrik möchte sich auch deinen Blog ansehen. Ich habe ihm deine entsprechende Adresse gegeben.

    Liken

  2. Liebe Anne! Wie schön du schreiben kannst. Das lässt im unschönen Thema eine gewisse Milde walten. Während ich eben in deinem Blog las (Imke hatte uns zu der Möglichkeit verholfen 😉) , sah ich Dich die ganze Zeit vor mir. So, wie ich dich von früher kenne: Eine fröhliche, unverwüstliche, taffe, energiegeladene, Leben versprühende Person, die, wenn sie den Raum betritt, diesen erhellt.
    Freitag wird für dich reserviert, damit unsere geballte Ladung an positiven Gedanken Raum zur Verbreiterung findet!
    ❤️Licht liebe Grüße von Geli &.Jan. 👵🏻🤓

    Liken

  3. Liebe Anne,
    ich finde es beeindruckend, wie Du Deinen Weg mit dieser Krankheit weitergehst. Ich wünsche Dir für die OP allen Erfolg und dass Du Dein Ziel der Heilung in diesem Jahr erreichst.
    Jan

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: