Ein neues Level

Ihr Lieben, ich habe mich lange nicht mehr auf diesem Blog zu Wort gemeldet. Es gab nichts zu erzählen, was irgendwie aufregend gewesen wäre. Mein Leben war so normal, ruhig, fast schon ein wenig eintönig. Ich habe mich mit der Frage beschäftigt, ob mich mein kleiner kleiner etsy-Shop Blümchenfeedesign wirklich ausfüllt oder ich eigentlich noch einmal etwas ganz anderes machen möchte. Ich habe mir Unterlagen für ein Fernstudium im Bereich Ernährung und ganzheitlicher Medizin kommen lassen. Ich glaube, dass für gesunde Menschen darin eine erhebliche Chance liegt, nicht so schnell an Krebs oder anderen chronischen Krankheiten zu erkranken. Allerdings bin ich auch zu der Erkenntnis erlangt, dass dies bei einer fortgeschrittenen Krebserkrankung kaum noch einen Unterschied macht und es in dem Fall eher darum geht, Dinge zu essen, auf die der Körper Lust hat und die er gut verträgt. Also Tschüß veganes Essen und hallo Fleisch, Milchprodukte, Eier. Gestern habe ich mir beim Schlachter 100 Gramm Rindertatar gekauft und noch auf dem Weg nach Hause im Auto roh aufgefuttert. Das tat unheimlich gut!

Seit einigen Monaten habe ich Veränderungen bemerkt. Nur ganz leicht erst. Der linke Fuß schleifte manchmal am Abend beim Hundespaziergang übers Pflaster. Manchmal kam mir mein Gang auch ein bisschen schwankend vor, wie bei einem Seemann bei Landgang. Der Türrahmen war gelegentlich auch etwas näher an meiner Schulter, als gedacht. Ich hatte Koordinationsprobleme auf dem Fahrrad, insbesondere in Ausweichsitutionen, so dass ich ein paar Mal gestürzt bin. Manchmal bekam ich einen plötzlichen Druck auf den Ohren, wie im Flugzeug. Beim Yoga, mit dem ich wieder angefangen hatte, stellte meine Lehrerin fest, dass ich das komplette linke Bein nicht ganz so bewegen konnte, wie es eigentlich der Fall sein sollte. Ich meldete mich zusätzlich in meiner Physiotherapiepraxis zu einem Mobiliätszirkel an, um dort zweimal die Woche an professionellen Geräten unter Aufsicht die Muskulatur zu trainieren. Meine Physiotherapeutin bemerkte dabei, dass die neurologischen Probleme nicht nur auf das linke Bein, sondern auf die gesamte linke Körperhälfte verteilt waren. Ich sprach danach dann erst mit einem HNO, der mir aufgrund meiner Krebserkrankung ein MRT des Gehirns anempfahl. Meine Onkologin machte daraus ein CT, denn ich brauchte schnell einen Termin.

Zunächst legte mich dann aber Corona lahm. Das volle Programm. Zum Glück war ich am Tag des CTs jedoch wieder negativ, so dass es stattfinden konnte. Das Ergebnis erhielt ich dann vor genau 2 Wochen. Ich habe multiple Hirnmetastasen. Mutipel bedeutet, dass die Radiologen nicht mehr zählen. Es sind mindestens vier große dabei. Die größte misst mittlerweile 3 cm. Hauptsächlich sitzen sie in der rechten Hirnhälfte. Das die rechte Hälfte die linke Körperseite steuert und auch den Gleichgewichtssinn, erklärt das die Probleme. Wobei der Hauptübeltäter zur Zeit gar nicht die Metastasen sind, sondern eine vom Körper als Schutzreaktion hervorgerufene Schwellung im Gehirn. Diese drückt auf Nervenbereiche. Dagegen bekomme ich nun seit zwei Wochen Kortison. Das reduziert Autoimmunreaktionen des Körpers und lässt die Schwellung abklingen. Mein Zustand ist fast normal. Ein Neurologe erklärte mir, dass die Einschränkungen derzeit nur sehr leicht sind und er sehr zuversichtlich ist, dass sie mit dem Kortison erstmal komplett verschwinden.

Ich sprach ein Tag nach dem CT mit der Vertretung meiner Onkologin, die im Urlaub war. Er hat mir in der gleichen Woch ein Termin im Strahlenzentrum verschafft, um dort das weitere Vorgehen zu besprechen. Dort wurde beschlossen, dass in meinem Fall eine Ganzhirnbestrahlung die beste Möglichkeit darstellt. Dadurch kann man auch weitere verstreute Metastasen gut erreichen. Durch die Bestrahlung soll das Metastasenwachstum zu Stillstand kommen und sie sollen sich optimalerweile zurückbilden. Das Kortison kann dass nach und nach reduzierte werden. Als Nebenwirkungen sind Haarausfall und Konzentrationsstörungen zu erwarten. Vielleicht auch ein grauer Star, der sich aber lasern lasse würde. Aufgrund der Konzentration darf ich dann erstmal nicht mehr Auto fahren. Das Fahrrad lasse ich sowieso seit Wochen stehen.

Heute geht es los. Um 10.30 Uhr ist die erste Bestrahlung. Ich kenne das ja schon von der Lunge. Es dauert nicht lange. Maximial 10 Minuten. Blöd ist das Gegurke mit dem Krankentaxi von Ahrensburg nach Hamburg-Langenhorn. Fast immer eine Stunde pro Weg. 10 Termine sind angesetzt. Täglich, außer am Wochenende. Mitte August werde ich dann durch sein. Die Bestrahlung wirkt wohl noch ca. 6 Wochen nach, so dass erst zu einem späteren Zeitpunkt ein neues CT gemacht werden wird.

Gestern habe ich dann mit meiner Onkologin über die weiteren Behandlungsmöglichkeiten gesprochen. Es gibt mittlerweile neue Chemo-Medikamente, die zumindest zum Teil die Blut-Hirn-Schranke überwinden können und damit auch gegen Metastasen im Gerhirn wirken. Eines dieser Medikamente wollen wir nun ausprobieren. Es ist wieder mein gekoppelter Antiklörper mit einer Chemo. Wie ich es schon hatte, aber mit einem anderen Medikament. Ein bis zwei Wochen nach Ende der Bestrahlung soll es losgehen.

Die Prognosen sind natürlich trotzdem nicht berauschend, wobei man mit den neuen Medikamenten nicht so genau weiß, was vielleicht doch möglich ist. Ich habe meiner Onkologin erklärt, dass ich mich zur Zeit auf den Ernstfall vorbereite, aber gerne noch ein Jahr hätte. Sie hält das für realistisch. Ich habe ein Agenda mit vielen kleinen Highlights. Hauptsächlich Geburtstage, Feiertage und kleinere Reisen. Bis Ende August 2023 habe ich das alles geplant. Danach sehen wir weiter.

Es ist wie bei einem absurden Computerspiel, auf dem ich plötzlich ein ganz neues Level im Rahmen meiner Krebserkrankung erreicht habe. Bimmelimmeling: Du bist ein Level aufgestiegen und hast jetzt Hirnmetastasen. Das letzte Level. Mehr kommt nicht mehr. Viel Spaß! Mach das Beste draus. Mal sehen, wie weit Du kommst.

Emotional bin ich erstaunlich stabil. Natürlich war ich geschockt und habe geweint, als ich die Diagnose gelesen habe. Doch das ist nun vorbei. Ich bin ganz ruhig. Glücklich sogar, gelassen und ruhig. Ich bin vorbereitet. Ich lebe jeden Tag voller Dankbarkeit. Auch wenn mir das Kortison kräftemäßig ganz schön zusetzt. Ich schlafe nicht viel. Im frühen Morgengrauen bin ich wach. Aber es ist wunderschön. Ich kämpfe nicht dagegen. Ich liege im Bett bei halbgeöffneten Gardinen und Fenster. Spüre die kühle Morgenbrise und blicke in den Garten. Er ist zunächst noch ganz grau und wird dann immer heller. Es kommt ein rosa Lichtschimmer zwischen den Blättern zum Vorschein und kündigt den Sonnenaufgang an. Irgendwann singen dann die ersten Vögel. Ich lasse meine Gedanken einfach wandern. Manchmal denke ich an Dinge, die ich noch zu erledigen habe, manchmal denke ich an schöne Erinnerungen und ich habe eine rieigige Menge davon. Ich kann mich darin verlieren und bin dankbar, dass ich ein so wunderschönes Leben hatte und immer noch habe. Ich bin so dankbar, dass meine Seele Frieden verspürt und ich den Sinn des Lebens gefunden habe. Für mich besteht der Sinn darin, Freude zu empfinden und Freude weiterzugeben an alle Menschen, die mich umgeben. Glück zu empfinden und anderen dabei zu helfen, ebenfalls glücklich zu sein.

Letzte Woche waren wir in Dänemark mit der großen Patchworkfamilie. Es war wie immer das Highlight des Jahres und die letzten Reste meines Corona-Reizhustens mussten dem Nordseeklima weichen. Den Kindern habe ich die Lage gleich am ersten Tag nach dem Frühstück erläutert. Sie haben es sehr gut aufgenommen und darüber bin ich so erleichtert und glücklich. Wir sind alle auf einem guten Weg. Auch wenn insbesondere mein Freund und ich die ersten Urlaubstage kräftemäßig komplett unten waren, konnten wir uns zum Ende der Woche hin erholen und die letzten Tage bei schönerem Wetter genießen. Nun bin ich gestärkt für alles was da jetzt kommen mag.

Ich melde mich bestimmt in den nächsten Wochen wieder und werde über die Fortschritte berichten. Bis dahin wünsche ich Euch allen Frieden. Haltet ab und zu mal inne und spürt die Dankbarkeit für die ganz kleinen Dinge im Leben.

Veröffentlicht von bluemchenfee

Im Oktober 2011 erhielt ich die Diagnose metastasierter Darmkrebs. Zu diesem Zeitpunkt war ich 38 Jahre alt und hatte zwei kleine Kinder im Alter von 3 und 6 Jahren. 2016 kam die Diagnose metastasierter Brustkrebs hinzu. Ich lebe in einer Kleinstadt im Hamburger Umland, bin mittlerweile geschieden, aber glücklich neu vergeben und alleinerziehende Mutter von zwei Teenagern. Mein Alltagschaos zwischen Patchwork, Hundeerziehung und Krebserkrankung wird seit einem guten Jahr durch mein kleines Unternehmen Blümchenfeedesign abgerundet. Eigentlich aus der Not heraus entstanden, habe ich mir damit den Traum einer Selbständigkeit im kreativen Bereich erfüllt. Meine Produkte findet Ihr unter bluemchenfeedesign.etsy.com oder auf Instagram unter bluemchenfeedesign. In diesem Blog schreibe ich über meine vielfältigen Erfahrungen mit der Erkrankung, der Heilung und den Herausforderungen, aber auch über die lustigen und schönen Seiten des Alltags und die Chancen, die sich selbst in so einer Situation bieten. Damit möchte ich anderen Betroffenen, Angehörigen und Interessierten Mut machen. Es gibt immer einen Weg und am Ende wird alles gut!

Ein Kommentar zu “Ein neues Level

  1. Liebe Anne, Du bist so unglaublich tapfer, wie Du das alles schaffst und dabei weiter positiv und glücklich bist. Du bist wohl der stärkste Mensch, den ich kenne. Ich bewundere Dich und Deine Einstellung zum Leben. Davon könnte jeder etwas brauchen.
    Ich wünsche Dir auch für diesen Deiner Wege alles nur erdenklich Gute und viel Kraft. Ich bin für Dich da, wenn Du irgendwen oder irgendwas brauchst.
    Von Herzen, Deine Anja

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